Literatur
„Wir sind das Volk“

Leipzig, 20 Jahre später: Die friedliche Revolution von 1989 ist das beherrschende Thema der Leipziger Buchmesse. Das Handelsblatt stellt vier Werke vor, die aus der Fülle der Publikationen zum Jubiläumsjahr herausragen und spricht mit einem der Autoren über die Zeit von damals.

LEIPZIG. Donnerstag Abend stand Christian Führer wieder in der Nikolaikirche. Doch nicht zum Friedensgebet, wie an jedem Montag im Jahr 1989, sondern als Buchautor. Der ehemalige Pfarrer der Leipziger Kirche mitten in der Stadt, die zu einem der wichtigsten Schauplätze der friedlichen Revolution wurde, las aus seiner Autobiografie „Und wir sind dabei gewesen“.

20 Jahre sind vergangen, seit Woche für Woche mehr Menschen zum Friedensgebet in die Nikolaikirche kamen und dann ab September durch die Leipziger Innenstadt zogen, mit Kerzen und mit Spruchbändern. „Wir sind das Volk“ wurde zum Motto der Proteste gegen die DDR-Führung. Der Westen schaute staunend zu, wie der Aufstand immer mehr an Eigendynamik gewann, bis die ungarische Grenze für die Flüchtlinge geöffnet wurde, das SED-Politbüro zurücktrat und am 9. November die Mauer fiel.

Führer beschwört in seinem Buch jedes kleinste Detail der Wendezeit herauf, ausführlich schildert er die Einschüchterungsversuche der Leipziger Parteiführung, das Vorgehen der Stasi und sein eigenes Bemühen, als Pfarrer die christliche Botschaft in einer atheistischen Gesellschaft zu verbreiten. Auch wenn die Vorgeschichte der Montagsgebete, die aus der Friedensbewegung der 80er-Jahre entstanden sind, ebenso wie manche private Episode reichlich viel Platz einnehmen und der Stil gelegentlich ins Betuliche gleitet, ist Führers Buch eine gute Quelle. So ist aus der Perspektive von heute in Vergessenheit geraten, dass der Erfolg der Proteste gegen das DDR-Regime nicht selbstverständlich garantiert war – Führer beschreibt eindringlich seine Angst vor dem Ausbruch von Gewalt, als Polizisten mit Gewehren die Kirche umstellten.

20 Jahre nach der Wende ist eine Generation herangewachsen, die die DDR und den Mauerfall nicht mehr aus eigenem Erleben kennt. Sie kann nicht viel mit Erinnerungsliteratur anfangen, in der der historische Kontext fehlt – selbst ein preisgekrönter Roman wie Uwe Tellkamps „Turm“ braucht im Grunde Interpretationshilfe. Perfekt aufgearbeitet ist eines der spannendsten Bücher aus der Fülle von Literatur über die Wendezeit, die jetzt zur Leipziger Buchmesse auf den Markt gekommen ist: „Wir haben fast alles falsch gemacht“ von Günter Schabowski.

Zwar hat der ehemalige Chefredakteur des „Neuen Deutschland“, der als SED-Funktionär zur Führungsriege der DDR gehörte, schon 1991 seine Autobiografie „Der Absturz“ veröffentlicht, doch in diesem neuen Buch, ein Gesprächsprotokoll mit dem Journalisten Frank Sieren, entsteht durch die Frage-Antwort-Form eine plastische Schilderung der dramatischen Ereignisse von 1989, verbunden mit reflektierter Selbstkritik.

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