Lobbyismus
Headhunter jagen den „Mister Luftfahrt“

Laut, umweltschädlich und dabei hoch profitabel: Das öffentliche Urteil über die Luftverkehrswirtschaft ist verheerend. Mit Neid blickt die Branche auf die Autobauer, denen es unter Verbandspräsident Matthias Wissmann gelungen ist, ihr Image grundlegend aufzupolieren. Nun suchen Headhunter den „Wissmann der Lüfte“.
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BERLIN/FRANKFURT. Matthias Wissmann (CDU) mausert sich in der Berliner Welt der Lobbyisten zu einer Ikone. In nur drei Jahren als Präsident des Verbandes der Deutschen Automobilindustrie hat der ehemalige Bundesverkehrsminister die Branche von ihrem Image als Umweltverpester befreit, ihr fünf Milliarden Euro über die Abwrackprämie gesichert und dem Land suggeriert, deutsche Autos führen schon bald mit Elektromotoren der klimaneutralen Zukunft entgegen.

Voller Hochachtung schaut die deutsche Luftverkehrswirtschaft auf diese Leistung, befindet sie sich doch in einer ähnlich katastrophalen Situation wie die Autobauer vor drei Jahren. Laut, umweltschädlich und hoch profitabel, ohne dem Land etwas zurückzugeben, lautet das Urteil. Im Sommer bescherte es der Branche den Ballast der eine Milliarde Euro schweren Luftverkehrsabgabe.

Nachdem der Bundesverkehrsminister im Frühjahr den Luftraum wegen der Aschewolke über Island – aus Sicht der Branche – viel zu lange hatte sperren lassen, drohen künftig kostspielige Sicherheitsvorschriften an den Flughäfen und Nachtflugverbote. „Wir brauchen einen Wissmann der Lüfte“, heißt es deshalb in der Branche. Einen, der direkten Draht zur Kanzlerin hat, der verschwiegen und diskret vorgeht und der vor allem zwischen den Interessen innerhalb der Verbandsmitglieder ausgleicht.

Fluglinien lösen ihren Verband auf

Inzwischen haben die Fluggesellschaften und die Flughäfen einen Headhunter beauftragt, um den Toplobbyisten der Zukunft zu finden. Er soll ab dem 1. Januar dem neuen „Deutschen Luftverkehrsverband“ als Präsident vorstehen. Lufthansa und Air Berlin wollen dann ihren Bundesverband der deutschen Fluggesellschaften (BDF) auflösen und gemeinsame Sache mit den Flughäfen machen.

Wenn alles gut läuft, wollen die Vorstandschefs der Airlines und der Flughäfen ihren neuen Verband Ende November beim Deutschen Luftverkehrskongress verkünden, an dem auch Kanzlerin Angela Merkel und Verkehrsminister Peter Ramsauer teilnehmen werden. „Das wäre der richtige Rahmen“, heißt es in der Branche.

Allerdings gibt es neben der Spitzenpersonalie noch letzte inhaltliche Fragen zu klären. So müssen Lufthansa und Air Berlin noch zustimmen, dass die Arbeitsgemeinschaft der Verkehrsflughäfen (ADV) und nicht jeder einzelne Flughafen dem Verband beitritt. So wie die Airlines eigene Lobbyisten beschäftigen, wollen die Flughäfen weiter über ihren Verband spezielle Interessen in Berlin vertreten. Obendrein wollen sie über die ADV weiterhin den engen Draht zu den Luftfahrtbehörden der Länder halten.

Zudem buhlen die Protagonisten noch um die Flugzeughersteller. Air-Berlin-Chef Joachim Hunold und Airbus-Chef Thomas Enders führten intensive Gespräche, verlautete aus Berlin, was wiederum Air Berlin dementiert. Aber es heißt, zu Beginn könnten einzelne Hersteller dem Verband beitreten, später dann vielleicht auch deren Verband, der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie. Dessen Präsident heißt Enders. Sogar der Beitritt der Tourismuswirtschaft und der Logistiker sei denkbar. Am Ende stünde ein großer Mobilitätsverband. Auch nach der Gründung sei der Verband für weitere Beitritte offen, heißt es.

Entscheidend sei aber, zügig den „Wissmann der Lüfte“ zu finden. Mögliche Kandidaten wären politische Kaliber wie ein Roland Koch, der als ehemaliger Ministerpräsident in Hessen nicht nur über ein exzellentes politisches Netzwerk verfügt, sondern die Probleme der Fluggesellschaften und der Flughäfen in Frankfurt über die Jahre verfolgt hat und im Aufsichtsrat von Fraport saß. Da er vermutlich nicht zur Verfügung stehen wird und auch medial nicht als Sympathieträger gilt, fällt auch der Name des ehemaligen Bürgermeisters von Hamburg, Ole von Beust. Aber auch ehemalige Umweltminister seien denkbar, heißt es. Als Beispiel fällt der Name Werner Schnappauf, der als bayerischer Minister Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband der Deutschen Industrie wurde.

Wenn die Suche länger dauert, soll die Gründung des Verbands im Zweifel später verkündet werden. Aber er kommt, da sind sich alle nach monatelangen Diskussionen inzwischen sicher.

Dr. Daniel Delhaes
Daniel Delhaes
Handelsblatt / Korrespondent
Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt

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