Lösungsideen Ökonomen warnen vor „Krisen-Propaganda“

Dass der IWF sorgenvoll auf Europa blickt, ist nicht verwunderlich. Die Politik kommt bei der Krisenbewältigung nur im Schneckentempo voran. Der Fonds dringt auf rasche Lösungen, doch seine Vorschläge stoßen auf Kritik.
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Die Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde. Quelle: dapd

Die Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde.

(Foto: dapd)

BerlinDer Internationale Währungsfonds (IWF) gilt nicht als großer Freund europäischer Ansätze zur Bewältigung der Euro-Schuldenkrise. Doch was der Fonds diese Woche zum Besten gab, ist starker Tobak. So deutlich wie selten geißelte der IWF das Krisenmanagement der Europäer. Die sich immer weiter verschärfende Krise sei ein Zeichen dafür, „dass die Ursachen dafür weiter nicht angegangen werden“, kritisierten die Experten in ihrem Bericht über den Zustand der Eurostaaten. Die Europäische Währungsunion verfüge noch immer nicht über die grundsätzlichen Werkzeuge, die die negativen Wechselwirkungen zwischen Staatshaushalten, Banken und der Realwirtschaft aufbrechen könnten. Zudem vermisst der Währungsfonds eine „ambitionierte Politik“ in der Eurozone.

Dem Verriss folgte das eigene Krisenlösungskonzept – das allerdings in Deutschland auf energischen Widerstand stößt. Der IWF schlägt im Krisenfall eine Beteiligung der Europäischen Zentralbank an einer möglichen europaweiten Einlagensicherung vor. „Ein solcher Sicherungsfonds könnte (undm sollte) sich aus einer Abgabe der Finanzindustrie speisen“, heißt es in dem Bericht. Um effektiv zu sein, müsse dieser Fonds aber in Krisenzeiten die Möglichkeit haben, „sich aus einem Pool zu finanzieren, für den die Regierungen Ressourcen bereitstellen, oder - im Falle der Euro-Zone - über eine Kreditlinie der EZB“.

Die Staats- und Regierungschefs der Euro-Länder haben bei ihrem jüngsten Gipfeltreffen Ende Juni eine europäische Bankenaufsicht „unter Beteiligung der EZB“ vereinbart, die nach Einschätzung zahlreicher Befürworter die Tür zu einer Bankenunion aufmacht. Die EU-Kommission hat für eine solche Union eine gemeinsame Einlagensicherung und eine gemeinsame Abwicklung von Banken vorgeschlagen. Auch der IWF hält es für sinnvoll, dass die Europäische Zentralbank (EZB) künftig bei der Aufsicht über die Geldinstitute eine stärkere Rolle spielt. Er forderte in dem Bericht die EZB zudem erneut auf, ihre Möglichkeiten im Kampf gegen die Krise noch stärker einzusetzen - etwa in Form von weiteren Zinssenkungen, neuer Liquiditätsspritzen oder weiterer Staatsanleihenkäufe.

Harsche Kritik löste insbesondere die IWF-Idee aus, einen möglichen Sturm auf die Banken zu stoppen, indem die Euro-Regierungen eine gemeinsame Einlagensicherung einführen, an der sich nicht nur die EZB, sondern auch die Finanzindustrie beteiligen soll. „Angesichts der Größenordnung des Euroraum-Bankensektors – seine Bilanzsumme beläuft sich auf mehr als 34.000 Milliarden Euro, also etwa 360 Prozent des Volkseinkommens – ist eine Finanzierung eines Sicherungsfonds, der ja aktuell über keinerlei Reserven verfügt, durch Abgaben der Finanzindustrie illusorisch“, sagte der Chefökonom von Degussa-Goldhandel und Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance, Thorsten Polleit, Handelsblatt Online. „Der Vorschlag soll die Europäische Zentralbank zum Anwerfen der elektronischen Notenpresse bewegen – daher auch das Einfordern einer EZB-Kreditlinie für den Sicherungsfonds.“

Polleit fürchtet, dass die „ideologische Propaganda des IWF zur Inflationierung der Schulden“ ihre Wirkung nicht verfehlen werde. „Den Folgen eines Papiergeldbooms lässt sich auf diese Weise jedoch nicht entkommen“, warnte er.  Weil die Depression stärker gefürchtet werde als die Inflation, sei klar, wie die politischen Hebel gestellt würden - auf Inflation. Dies laufe allerdings auf das schlechteste aller Ergebnisse hinaus: erst Debasierung des Geldes, dann Depression. Polleit mahnt daher: „In den europäischen Werkzeugkasten gehören nicht die Rezepte des IWF, sondern Maßnahmen wie Schuldenrestrukturierungen oder Schuldenschnitte bei Staaten und Umtausch von Fremd- in Eigenkapital bei Banken.“

Politik reagiert zurückhaltend auf IWF-Ideen
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52 Kommentare zu "Lösungsideen: Ökonomen warnen vor „Krisen-Propaganda“ des IWF"

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  • "Ein Euro, sie zu knechten, sie alle zu finden,
    ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden."
    (frei nach J.R.R. Tolkien)

  • Oh, da sind wir in La France schon einmal ein Stück weiter. Aus dem Duo der früheren Weggefährten Le Gnom und La Garde werden insgesamt alsbald Weggeführte von den allzeit schmackhaften Menues der UpperClass.

    Die ZEIT heilt zwar nicht alle Wunden. Ist das Problem erkannt und auch benannt wird es für den Teufel schwieriger seine Werke weiterhin zu verrichten. Gut die Kette der Abhängigen ist zwar sehr lang, aber wenn inmitten die Ketten sabotiert werden können, was man zum Wohlbefinden einer Demokratie immer anstellen sollte, dann gibt es nicht mehr soviele Seilschaften, die miteinander, wohl alleine umherirren. Einfangen wegführen, ergo Weggeführte.

  • Es geht wohl nicht um höhere Renditen, sondern darum, dass letztlich erzwungen wird, dass Staaten und Völker ihre Immobilien und ihr Tafelsilber verkaufen, was sie erst dann tun, wenn sie sonst keinen Cent mehr irgend woher bekommen können. Das ist wie beim Monopoly-Spiel - wer mehr zahlen muss, als er hat, muss Häuser und Straßen verkaufen - was ihm nur kurzfristig hilft, weil es seine Ertragssituation noch weiter verschlechtert.

    Dahinter stecken welche, die die ganze Welt besitzen wollen, und ganz bestimmt nicht zum Wohl der Völker.

    Dipl.-Kfm. Winfried Sobottka

  • *lach*
    Deutschland ist Mitglied des IWF, mitsamt Europa.
    Der IWF hat zurzeit 187 Mitgliedstaaten, deren Stimmrecht sich an ihrem Kapitalanteil orientiert. Die Mitgliedstaaten mit den größten Stimmanteilen sind: USA 16,75 %, Japan 6,23 %, Deutschland 5,81 %, Frankreich 4,29 %, Vereinigtes Königreich 4,29 % und China 3,81 %[1]. Da die Beschlüsse im IWF mit einer Mehrheit von 85 % getroffen werden müssen, verfügen jeweils die USA allein und die EU-Staaten gemeinsam de facto über eine Sperrminorität.
    Also nix "nach Europa geholt" - die waren schon vorher da *g*

  • Die hysterischen Reaktionen in der Presse und den Kommentaren auf die Meldung, dass der IWF für eine deflationäre Entwicklung in Verbindung mit Depression eine Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent angibt und deshalb Maßnahmen fordert, sind erstaunlich. Die Helaba gibt für ihr analoges Szenario Sisyphus eine Wahrscheinlichkeit von 35 Prozent seit Jahresbeginn an und niemand nimmt Notiz davon. Warum? Die Helaba deckt auch ihre beiden anderen Szenarien davon. Dabei ist der Gordische Knoten mit gegenwärtig 65 Prozent als wahrscheinlich angesehen. Dahinter stehen Prognosen für die Entwicklung der Wirtschaft, der Finanzanlagen usw.. Auch der IWF wird analoge Szenarien in der Volkswirtschaftsabteilung für die verschiedenen Regionen entwickelt und regelmäßig aktualisiert haben. Ansonsten gilt für Politiker das gleiche wie für Hähne. Man muss laut krähen, auch wenn es unpassend ist. Sonst wird man nicht gewählt.

  • Ihre Beispielrechnungen haben mit der Realität nichts gemeinsam. Denn sie würden übersetzt bedeuten, dass eben noch Deutschland den Spaniern Geld zum Konsumieren lieh, und demnächst zahlen es die Spanier zurück, sparen, und die Deutschen konsumieren dafür mehr - werden also ein Handelsdefizit haben. Ist das zu erwarten? Wohl kaum.

    Es ist nämlich vielmehr so, dass der Gläubiger, der sein Geld zurückerhielte, dieses keineswegs verkonsumieren würde, sondern er hat gar keinen Grund an seiner Strategie bzgl. des Umgangs mit seinem Vermögen etwas zu verändern. Er will weiterhin anlegen und Rendite haben. Es ist ihm nahezu egal, wem er das Geld dabei verleiht, Hauptsache es gibt Rendite.

    Also ist Ihr zweiter Schluss wahrscheinlicher: Er verleiht es jemand anderem. Und hier kommt erneut der Punkt der Gesamtverschuldung des Systems ins Spiel. Je höher sämtliche Akteure des Systems bereits verschuldet sind, desto weniger ist es möglich, einem dieser Akteure noch mehr Schulden aufzuschwatzen, da die Erwartungshaltung, mit hilfe dieser neuen Schulden noch mehr Rendite zu erwirtschaften stetig sinkt, wenn die Verschuldungsquote steigt. Es bleibt abzüglich der bereits zu leistenden Renditen einfach zu wenig übrig.

  • "Rechner", für mich besteht kein Zweifel daran, dass Sie ein bezahlter Schreiber des Großkapitals sind, denn einerseits sind Sie erkennbar klug und ökonomisch gebildet, andererseits versuchen Sie mit einer Mischung aus Unsinn und Stammtischparolen ("Club Mediterranee") den neoliberalen Weg zu einer Herrenmenschen-Sklaven-unwertes_Leben-Gesellschaft zu verteidigen.

    Sie sollten umdisponieren: Die Ultrakapitalisten haben es zu weit getrieben, das wird von immer mehr verstanden, der Rest spürt es zumindest. Was ich heute in den Kommentarspalten verschiedener Online-Zeitungen lesen kann, wäre vor ein paar Jahren eiskalt weg zensiert worden, dass es heutzutage erhebliche Kritik auch von konservativen Wirtschaftswissenschaftlern gibt, die auch veröffentlicht wird, wäre vor ein paar Jahren auch nicht denkbar gewesen.

    Wissen Sie, "Rechner", wachsender Irrsinn hat zumindest einen Vorteil: Irgendwann fällt er jedem auf, und irgendwann wird jedem klar, dass es so nicht weiter gehen kann.

    Dipl.-Kfm. Winfried Sobottka

  • Zu höheren Steuern u.a. auf Kapitalerträge meinte "Rechner":

    "Nein - finde ich nicht.

    Und schon gar nicht höhere Steuern in Deutschland für den Club Mediteranee."


    Dabei weiß "Rechner" ganz genau, dass die deutschen "Rettungsgelder" zu weit über 80% beim deutschen Großkapital landen, das sonst Anleihen abschreiben müsste und auf fette Exportgewinne verzichten müsste.

    Dipl.-Kfm. Winfried Sobottka

  • "Rechner" behauptet, dass die Rückzahlung von Schulden die Gesamtnachfrage nicht verändere.

    Das gilt nur dann, wenn der Grenzkonsum in der Kette der befriedigten Gläubiger letztlich irgendwann ebenso groß ist wie er auf Seiten des Schuldners ist - und genau das ist bei denen, die als Gläubiger dominieren, völlig zu bestreiten!

    Wenn Quandt von einem Schuldner 10.000 Euro erhält, dann konsumiert er gar nichts zusätzlich - er steckt es voll in den Finanzanlagemarkt. Dort kauft er irgendwem irgendwelche Stocks oder Anleihen ab, bei dem diese 10.000 Euro dann landen. Diese Person, ebenfalls sehr begütert, kauft dann irgendwelche anderen Finanzanlagen-Produkte und so geht es dann weiter, das Geld versackt in einem zweiten Kreislauf außerhalb des realwirtschaftlichen Kreislaufs, bleibt unter Leuten, die so reich sind, dass deren Grenzkonsum gleich null ist.

    Das lässt sich empirisch ganz einfach beweisen: Würde "Rechner" mit seinem Beispiel Recht haben, dann würde jeder Euro letztlich
    in den Konsum oder in eine Realinvestition (Schaffung neuen Produktivvermögens, nicht einfach Kauf bestehenden Produktivvermögens) fließen. Dann aber würden sich Einkommensumverteilungen von einkommensschwach zu einkommensstark oder umgekehrt überhaupt nicht auf die durchschnittliche Quote von Konsum und Investition auswirken, was nachweislich falsch ist.

    Die Makroökonomie lehrt zwar wohl immer noch, C+S=C+I, Konsum plus Ersparnis gleich Konsum plus Investition, aber die Realität sieht ganz aus: C+S=C+I+F, wobei F das im Sektor der Finanzanlagen versackende Geld ist, das diesen aufbläht und nur noch in Ausnahmefällen wieder aus ihm heraus findet, was die Engagements superreicher Privatiers / Clans angeht.

    Kurzum: Es ist eben nicht so, dass jeder Euro über kurz oder lang automatisch nachfrageaktiv wird, wie "Rechner" es uns weismachen will.

    Dipl.-Kfm. Winfried Sobottka

  • 'Strichnid' sagt
    -----------------
    Das Geld, das ein Schuldner weniger ausgibt, wenn er spart, gibt "einfach ein anderer" aus? Selten so gelacht. Wo nimmt der das denn bitteschön her?
    ---------------

    Der andere ist der Gläubiger der Schuld, an den der Schuldner eine Rückzahlung geleistet hat.

    Der kann das Geld jetzt ausgeben. Oder an jemand anders weiterverleihen, der es dann stattdessen ausgibt.

    Einfaches Beispiel:

    'Rechner' leiht 'Strichnid' 50 Euro.

    Resultat: Biernachfrage steigt, Weinnachfrage sinkt.

    Ein Jahr später zahlt 'Strichnid' 'Rechner' 52 Euro zurück.

    Resultat: Weinnachfrage steigt, Biernachfrage sinkt.

    Gesamtnachfrage bleibt gleich.

    Und wenn Sie sich das jetzt noch mit vielen Kreditgebern und -nehmern vorstellen, und Kreditgebern die viel verleihen damit sie im Alter von den Rückflüssen leben können, dann habe Sie vielleicht die Grundzüge des Kreditwesens verstanden.

    ++++++++++++++++++++++++++++++++

    'Strichnid' sagt:
    ------------------
    Entweder handelt es sich um einen Lohnabhängigen, dann bräuchte er dafür eine Lohnerhöhung, für die es ein Nachfragewachstum geben müsste. Und genau das ist ja nicht der Fall, wenn viele anfangen zu sparen statt zu konsumieren.
    ------------------

    Aber nein.

    Lohnabhängige können auch ohne Lohnerhöhungen Rückzahlungen von einhundert oder zweihundert oder dreihundert Euro pro Monat machen, imdem sie weniger verbrauchen.

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