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Lohnentwicklung: Wirtschaftsmacht dank Mäßigung

Im Ranking der OECD-Staaten findet sich Deutschland nicht in der Top Ten der Einkommensliga wieder, die Deutschen verdienen heute im Durchschnitt real weniger als vor zehn Jahren. Doch das ist kein Grund zum Klagen: Vor allem der früher nicht existente Niedriglohnsektor boomt.

Die Lohnzurückhaltung in Deutschland ist im Kreise der Industrienationen einmalig. Quelle: dpa
Die Lohnzurückhaltung in Deutschland ist im Kreise der Industrienationen einmalig. Quelle: dpa

DÜSSELDORF. Wie gut verdienen die Deutschen im internationalen Vergleich? Auf diese Frage gibt es so viele Antworten, wie es unterschiedliche Statistiken gibt. Doch insgesamt spricht alles dafür, dass die deutschen Arbeitnehmer im letzten Jahrzehnt unter dem Strich tatsächlich weniger als die Beschäftigten in anderen Ländern vom gesamtwirtschaftlichen Kuchen abbekommen haben. So stiegen die Bruttolöhne in Deutschland kaum stärker als die Verbraucherpreise - das Kieler Institut für Weltwirtschaft nennt das "ausgeprägte Lohnmoderation".

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Mehr noch: Die Lohnzurückhaltung in Deutschland ist im Kreise der Industrienationen geradezu einmalig. So lagen die deutschen Arbeitnehmer im Ranking der OECD-Staaten mit einem Durchschnittseinkommen von 37 900 Euro im Jahr 2000 noch auf Platz sechs. Ein Jahrzehnt später ist das Durchschnittseinkommen der Deutschen zwar um 14 Prozent auf gut 43 000 Euro gestiegen - aber mit diesem Gehaltsniveau finden sich die Deutschen nicht einmal mehr in den Top Ten der OECD-Einkommensliga wieder. Österreich, Frankreich, Irland, Belgien, Niederlande und Dänemark sind an Deutschland vorbeigezogen, das nun Rang elf belegt. Norwegen löste die USA als Spitzenreiter ab. Im Schnitt verdiente 2009 jeder Norweger 42 Prozent mehr als jeder Bundesbürger.

In einigen der neuen osteuropäischen EU-Mitgliedsländern verdoppelten sich gar die Durchschnittslöhne. In Bulgarien stiegen sie binnen zehn Jahren von 2 000 auf 4 700 Euro. Allerdings: Selbst wenn sich diese Gehaltsexplosion fortsetzen würde, dauerte es noch fast drei Jahrzehnte, bis Bulgarien zu Deutschland aufschließt.

Lohnzurückhaltung stärkt die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie

Mit ihrer Lohnzurückhaltung trugen die deutschen Gewerkschaften freilich dazu bei, dass die hiesige Industrie auf dem Weltmarkt fast kontinuierlich immer mehr Anteile gewinnen konnte. Steuerten die Exporte im Jahr 2000 noch 29 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei, waren es 2008, also vor Zuspitzung der Finanz- und Wirtschaftskrise, schon 39 Prozent. Und glaubt man Untersuchungen aus dem Stab des Sachverständigenrats, wird dieser Wert bis 2020 sogar auf 69 Prozent steigen.

Einen weiteren Beleg für die deutsche Lohnzurückhaltung bietet die Analyse des Volkseinkommens: Von 2000 bis 2009 legten die Arbeitnehmerentgelte in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung um insgesamt elf Prozent zu. Dagegen stiegen die Unternehmens- und Vermögenseinkommen im selben Zeitraum um 37 Prozent. Klammert man den Einbruch des Jahres 2009 aus, beträgt das Plus nicht weniger als 56 Prozent.

Trend zu kürzeren Arbeitszeiten hält an

Allerdings blenden diese Makro-Daten zwei Trends auf dem deutschen Arbeitsmarkt aus. Die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe durch die rot-grüne Bundesregierung im Jahr 2005 führte dazu, dass Jobs entstanden, die bis dahin niemand ausüben wollte. Denn mit der Einführung von Hartz IV standen viele Langzeitarbeitslose plötzlich mit dem Rücken zur Wand - und mussten nun auch für sehr wenig Geld arbeiten. So entstanden in den letzten Jahren vor allem im Dienstleistungsbereich neue Jobs, etwa im Pflegesektor. Durch die Billiglohnstrategie rechneten sich auf einmal sogar bis dato undenkbare Geschäftsmodelle wie etwa Billig-Friseure. Gleichzeitig gliederten viele Unternehmen IT-, Wach- und Reinigungspersonal aus, um in diesen Bereichen niedrigere Gehälter als ihrer Kernbelegschaft zahlen zu können.

Der Boom dieser Dienstleister bremste den Anstieg des Durchschnittseinkommens deutlich: obwohl etwa in der Metall- und Chemieindustrie die Tariflöhne im letzten Jahrzehnt um fast 30 Prozent stiegen. Die Spreizung des Arbeitsmarkts in gut verdienende Fachkräfte und schlecht qualifizierte Niedriglöhner schreitet voran, wahrscheinlich deutlich stärker als in vielen anderen Industriestaaten. Während im letzten Jahr mehr als 1,3 Millionen Geringverdiener zusätzlich zum Arbeitseinkommen Hartz IV bekamen, damit ihr Existenzminimum gesichert war, zahlt manch ein Facharbeiter in der Industrie heute bereits den Spitzensteuersatz.

Der zweite Megatrend auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind kürzere Arbeitszeiten. Gemeint ist nicht die flächendeckende 35-Stunden-Woche oder gar eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich, wie sie bis Mitte der 90er-Jahre manchem Gewerkschafter vorschwebte. Vielmehr wuchs die Zahl der sozialversicherungspflichtig Teilzeitbeschäftigten kontinuierlich von 3,8 auf 5,3 Millionen. Dementsprechend sinken die gesamtwirtschaftlichen Durchschnittslöhne - und für die Teilzeitkräfte steigt der Freizeitwert.

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  • 28.07.2010, 21:23 UhrAnonymer Benutzer: Andreas

    Der Artikel zeigt nur wieder mal, wie grenzenlos dumm man hierzulande in Sachen Ökonomie ist. Erstens mal verzichten die Arbeitnehmer mit Niedriglöhnen auf Konsum - was von neoliberaler Seite gefeiert wird, da wir mit unseren zu billigen Produkten andere Volkswirtschaften an die Wand konkurieren. Und dann feiern wir die Exportüberschüsse, die dann entstehen, weil wir weniger im-, als exportieren. Was aber letztlich damit endet, dass der dumme Steuerzahler zum 2. mal draufzahlt, wenn nämlich die Schuldnerstaaten ihre Schulden (die dann bei den banken liegen) nicht mehr bedienen können. Wie die Niedriglöhner anständig leben können, interessiert dabei keinen.

  • 28.07.2010, 12:28 UhrAnonymer Benutzer: farbenseher

    Ein zynischer Artikel. Der billiglöhner kann zwar seine Familie nicht mehr ernähren, hat dafür aber mehr Freizeit. Welch gelungener Ausgleich, ganz hervorragend.
    Wer will eine solche Gesellschaft, die sich dank Lohndumping als Wirtschaftsmacht Nummero Uno in Europa positioniert und diesen "Erfolg" mit der Lebensqualität ihrer bürger bezahlt? Welchen Sinn macht das, wenn der hehre Grundsatz, dass die Politik dem Menschen dienen solle, noch gilt?

    Und Ralf, auf Sozialdarwinisten wie Sie kann jede Gesellschaft bestens verzichten. ihr Horizont ist derart beengt, dass Sie sich nicht einmal vorstellen können, dass auch Leute, die sich zu den Gutverdienern rechnen, für eine gerechte Gesellschaft eintreten. Und das aus guten, in letzter Konsequenz nicht einmal vollkommen uneigennützigen Gründen.

    Sie sind mitleiderregender als die Leute, über die Sie ihre Häme ausschütten.

  • 28.07.2010, 12:08 UhrAnonymer Benutzer: Deutschland...

    ...quo vadis? billiglöhne, Geringverdiender, Teilzeit. Ja, das sind Faktoren die die betroffenen Leute motivieren, jeden morgen aufzustehen und die Ärmel hoch zu krämpeln. Und da wirft man der Jugend (mit und ohne Migrationshintergrund) vor, sie sei eine Null bock Generation? Warum soll sie sich aufraffen, um anschließend bei 40 Sdt/Woche einen Hungerlohn zu bekommen, von dem man keine Familie ernähren kann? Der höhere Freizeitwert äußert sich dann ggf. in Kriminalität bzw. Extremismus. Traurig, wenn man sieht wohin Deutschland geht...

    Anscheindend hat der Autor ein Seminar - Think Pink - bei einem Motivationstrainer genossen.

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