Lohnforderungen „unter der Marke von fünf Prozent“?
Gedämpfte Erwartungen an Tarifrunde

Nach ihrem im Branchenvergleich hohen Tarifabschluss 2002/2003 stellen sich die Metaller mit erkennbar gedämpften Erwartungen auf die bevorstehende Lohnrunde ein. Der Eindruck einer schwierigen wirtschaftlichen Lage ihrer Betriebe präge die Stimmung unter den Beschäftigten, sagt der für die Tarifpolitik zuständige Zweite Vorsitzende der IG Metall, Berthold Huber.

dc DÜSSELDORF. Hubers Befund deckt sich mit ersten Einschätzungen aus den örtlichen Verwaltungsstellen. „Wenn ich das Stimmungsbild bei den Kollegen zusammenfasse, dann läuft das für die Tarifforderung auf 4 bis 4,5 % hinaus“, sagt Harald Flassbeck, Erster Bevollmächtigter der IG Metall München. Ulrike Kletzka von der Verwaltungsstelle Dortmund will sich noch nicht auf Zahlen festlegen, deutet aber an: „Vorsichtig formuliert, ist die wirtschaftliche Situation seit der letzten Tarifrunde nicht besser geworden.“

In München macht Flassbeck auch bei den BMW-Beschäftigten keine völlig von dieser Tendenz abweichende Stimmung aus – obwohl BMW bisher eine überdurchschnittlich gute Geschäftsentwicklung verzeichnet hat. Die Erwartungen lägen zwar ein wenig höher, berichtet Flassbeck. „Aber es gibt doch eine Tendenz, unter der Marke von fünf Prozent zu bleiben.“

Eine Forderungszahl dieser Größenordnungen bliebe zumindest klar hinter jener des Jahres 2002 zurück: Damals hatte sich die IG Metall nach hitziger Debatte auf einen Korridor von 5 bis 7 % festgelegt – später schränkte sie den aus ihrer Sicht relevanten Teil davon aber auf „oberhalb von 6 %“ ein. Auf dieser Basis setzte sie für die 3,5 Millionen Metaller einen Abschluss durch, der Erhöhungen von nominal 4 % für 2002 und von 3,1 % für 2003 vorsah.

Nach der üblichen Arithmetik stehen die Tarifpolitiker der IG Metall diesmal vor noch schwierigeren Aufgaben. Für die anstehende Umsetzung des neuen Entgeltrahmenabkommens (Era) – der Angleichung der Entgelttabellen für Arbeiter und Angestellte – muss eine so genannte Strukturkomponente in den Tarifabschluss eingearbeitet werden, die einem Volumen von 1,39 % entspricht. Mit diesem Geld soll ein Ausgleich für solche Betriebe geschaffen werden, für die die bloße Umstellung der Entgeltstruktur zu Mehrkosten führen würde. Gleichzeitig lassen die ökonomischen Daten, an denen die IG Metall ihre Forderung traditionell ausrichtet, derzeit wenig Spielraum: Auch optimistische Prognosen lassen kaum erwarten, dass die Summe aus Inflationsrate und gesamtwirtschaftlichem Produktivitätsfortschritt wesentlich über 3 % liegen wird. Zieht man davon die 1,39 % für „Era“ ab, die de facto nicht allen Beschäftigten zukommen, bliebe kaum noch eine Reallohnsteigerung übrig.

„Wenn wir Era in diesem Jahr abschließen wollen, und das hat hohe Priorität – dann werden wir über eine längere Laufzeit diskutieren müssen“, sagt Rudolf Luz, Bevollmächtigter der IG-Metall-Verwaltungsstelle Heilbronn/Neckarsulm. Das Problem: Die ohnehin große Unsicherheit über die Konjunktur wird dann in der Tendenz noch größer.

„Wir stehen hier vor einem Dilemma“, räumt Huber ein. „Die wirtschaftliche Unsicherheit spricht eigentlich dafür, eine kurze Tariflaufzeit anzustreben, damit wir dem erhoffen Aufschwung nicht hinterherlaufen.“ Die Era-Komponente rufe aber nach einer längeren Laufzeit. Für Luz ist das ein weiteres Argument, sich die Idee eines Tarifabschlusses mit betrieblicher Ergänzungsoption offen zu halten: Falls der Aufschwung stärker wird als erwartet, könne die IG Metall das Tarifergebnis dann gezielt bei jenen Betrieben mit besonders guter Geschäftsentwicklung im Sinne der Beschäftigten nachjustieren.

Die entscheidenden Beschlüsse über die Tarifforderung sollen in der IG Metall kurz nach dem Gewerkschaftstag fallen. Auf Basis der Beratungen in den einzelnen Regionen will der Vorstand am 11. November seine so genannte Forderungsempfehlung an die Bezirke bekannt geben. Die erste Verhandlungsrunde mit den Arbeitgebern soll nach dem gewerkschaftsinternen Zeitplan Mitte Dezember stattfinden.

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