Lohnkosten in Baden-Württemberg
Chronisch überlastet

Baden-Württemberg ist ein teurer Standort. Selbst in angrenzenden Ländern wie Frankreich oder der Schweiz sind die Arbeitkosten in der Industrie wesentlich niedriger. Kann sich das Land seine hohen Lohnkosten auf Dauer leisten?

Zwei Unternehmen aus dem Land sorgten kürzlich für ganz unterschiedliche Nachrichten: Bosch-Chef Franz Fehrenbach kündigte an, 550 Millionen Euro in eine neue Chipfabrik in Reutlingen zu investieren - für Fehrenbach ein "Bekenntnis für den Großraum Stuttgart". Fast gleichzeitig ließ der Motorsägenhersteller Stihl wissen, er baue für 100 Millionen Euro ein neues Werk im schweizerischen Kanton Sankt Gallen - und nicht am Stammsitz in Waiblingen.

Wie passt das zusammen? Fest steht, dass Baden-Württemberg ein teurer Standort ist. Nicht nur im Vergleich zu Niedriglohnländern wie Tschechien, China oder Indien, sondern auch verglichen mit seinen Nachbarn: In der Schweiz liegen die Arbeitskosten in der Industrie rund 10 Prozent niedriger, in Österreich und Frankreich mehr als 20 Prozent. Deshalb haben rund 900 deutsche Unternehmen im nahen Elsass eine Niederlassung aufgemacht. Auch im nationalen Vergleich ist Baden-Württemberg bei den Arbeitskosten spitze.

Wer teuer ist, muss auch gut sein. Tatsächlich bietet der Standort viele Vorteile: hochkarätige Forschungseinrichtungen, leistungsbereite und qualifizierte Arbeitskräfte, ein engmaschiges Netz von Zulieferern und Abnehmern. Für Ralf Weidenhammer, Geschäftsführer des Verpackungsunternehmens Weidenhammer im badischen Hockenheim, kommt eine Verlagerung des Unternehmenssitzes daher überhaupt nicht infrage. "Wir glauben eher, dass einige Unternehmen bald reumütig zurückkommen werden", sagt er.

Dennoch ist nicht ausgemacht, ob die Standortvorteile ausreichen, damit Baden-Württemberg sich langfristig so hohe Löhne leisten kann. So zeigt das Bundesländerranking der WirtschaftsWoche, dass sich der Vorsprung des Landes in wichtigen Bereichen, etwa bei den Patentanmeldungen, deutlich verringert hat. Zudem hinkt Baden-Württemberg in einem wichtigen Bereich hinterher - bei der Verkehrsinfrastruktur. Wer vom Ostrand des Schwarzwalds die Autobahn A 5 in Richtung Frankfurt erreichen will, kurvt satte anderthalb Stunden durch die Berge. "Bei den Ost-West-Verbindungen haben wir noch Defizite", gibt Landeswirtschaftsminister Ernst Pfister zu. Selbst um Stuttgart herum ist das Straßennetz chronisch überlastet - ein Problem zum Beispiel für die vielen Automobilzulieferer, die im Schwarzwald oder auf der Schwäbischen Alb sitzen und die Stuttgarter Autokonzerne beliefern.

Und manchmal stehen sich die Baden-Württemberger auch selbst im Weg. Kürzlich stellte sich die Frage, welcher von zwei ehemaligen kanadischen Militärflughäfen zum Regionalflughafen ausgebaut werden sollte: Lahr oder Baden-Baden. Die beiden Standorte sind nur eine Stunde voneinander entfernt. Für Lahr spricht die Nähe des Europa-Parks, einer der wichtigsten Touristenattraktionen der Region, und das Engagement eines australischen Investors. Doch die Politik hatte sich schon auf Baden-Baden festgelegt. Am Ende stand ein fauler Kompromiss: Beide Flughäfen gehen in Betrieb - aber nach Lahr darf nur fliegen, wer eine Eintrittskarte für den Europa-Park hat. Infrastrukturpolitik aus einem Guss sieht anders aus.

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