Lohnkürzung im Krankheitsfall
Karenztage sind im EU-Ausland kein Tabu

Der Vorschlag von Handwerkspräsident Otto Kentzler, Karenztage wieder einzuführen oder Krankheitstage mit dem Urlaub zu verrechnen, stößt hierzulande auf breite Ablehnung. Doch der Blick ins europäische Ausland zeigt: Solche Regelungen sind kein Einzelfall. In vielen Nachbarländern sind sie bereits gang und gäbe. Selbst in Deutschland ist die Idee nicht ganz neu.

DÜSSELDORF. Den ersten Versuch startete die schwarz-gelbe Regierung unter Helmut Kohl: Sie hatte 1996 die gesetzlichen Bestimmungen zur Entgeltfortzahlung wesentlich verändert, unter anderem führte sie so genannte Karenztage ein. Danach sollten Arbeitnehmer erst am dritten Tag ihrer krankheitsbedingten Abwesenheit die Entgeltfortzahlung erhalten, die zudem von 100 auf 80 Prozent des Arbeitsentgelts gekürzt wurde. Alternativ konnten die Beschäftigten die ersten beiden Krankheitstage - die Karenztage - auch vom Urlaub abziehen lassen. In Deutschland hat die rot-grüne Bundesregierung diese Regelungen zum 1. Januar 1999 rückgängig gemacht, nur in bestimmten Branchen gibt es die Regelungen noch.

Anders ist die Situation in vielen EU-Ländern: In Griechenland etwa gibt es gar keine gesetzlich geregelte Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. In den ersten 15 Tagen liegt die Höchstgrenze des Krankengeldes bei 12,39 Euro, einschließlich der Zulagen für maximal vier Unterhaltsberechtigte. Nach 15 Tagen liegt die Höchstgrenze der Leistungen bei 22,78 Euro pro Tag. Es gelten drei Karenztage. Ähnlich sind die Bedingungen für Arbeitnehmer in Portugal, im Krankheitsfall sind die Arbeitgeber nicht gesetzlich verpflichtet, den Lohn weiterhin zu zahlen. Auch die Portugiesen erhalten ein gestaffeltes Krankengeld, die Karenzzeit beträgt ebenfalls drei Tage. Sie entfällt nur bei Krankenhausaufenthalten nach einer Entbindung oder bei Arbeitsunfähigkeit aufgrund von Tuberkulose.

In Belgien dagegen gibt es zwar Vorgaben, allerdings keine einheitlichen. Während Angestellte einen Monat lang das volle Gehalt kassieren, bekommen Arbeiter nur in den ersten sieben Tagen der Arbeitsunfähigkeit 100 Prozent ihres Lohnes. Erst danach werden Abzüge fällig. Die Karenzzeit ist hier sehr gering, sie beträgt nur einen Arbeitstag. Spitze im europäischen Vergleich ist Italien. Hier gibt es einen gesetzlichen Anspruch auf Lohnfortzahlung für mindestens 3 Monate. Die dreitägige Karenzzeit gilt nicht bei Tuberkulose. In den Niederlanden ist die Bezugszeit der Lohnfortzahlung mit 52 Wochen zwar noch höher, dafür gibt es hier nur 70 Prozent des Verdienstes bis zur Obergrenze eines täglichen Entgelts von 159 Euro. Mit Genehmigung des Ministers können die Berufsverbände diesen Satz allerdings erhöhen. Karenztage gibt es hier nicht.

In Deutschland wird der Vorstoß hin zu strengeren Regeln im Krankheitsfall vermutlich so schnell nicht kommen, da es darüber einen breiten Konsens quer durch alle Parteien gibt. Ein wichtiges Argument ist auch der aktuelle Krankenstand in deutschen Unternehmen. Seit 1976 war er nicht mehr so niedrig wie zurzeit. Nach Angaben des BKK-Bundesverbandes sanken die krankheitsbedingten Fehlzeiten 2004 im Schnitt auf 13 Kalendertage, während es im Vorjahr noch 13,5 Tage waren. Seit 1990 hat sich der Krankenstand sogar halbiert-damals fehlten die Beschäftigten im Durchschnitt an 25 Tagen. In punkto Disziplin rangieren deutsche Arbeitnehmer sogar weit vor ihren Kollegen in Europa. In Norwegen, Schweden und den Niederlanden ist die Zahl der Fehltage durch Krankheit weit größer. In Schweden betrug er zuletzt mehr als das Dreifache.

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