Lohnpolitik: Wer hat wen ausgepokert?

Lohnpolitik
Wer hat wen ausgepokert?

Die Konjunktur brummt, Rufe nach Lohnerhöhungen werden lauter. Doch für exportstarke Branchen gelten weiter Tarifverträge aus der Krisenzeit: In der Metall- und Elektroindustrie etwa sieht der im Februar vereinbarte Vertrag in diesem Jahr keine Erhöhung der laufenden Löhne für die 3,4 Mio. Beschäftigten vor. Kommen diese im Aufschwung nun zu kurz?
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BERLIN. Dass die Arbeitgeber diese Sicht nicht teilen, liegt nahe. Interessanterweise lässt bisher aber auch die IG Metall keine Zweifel an ihrer Vertragstreue zu. Nur in der benachbarten Stahlindustrie, wo ohnehin jetzt die neue Tarifrunde für 85 000 Beschäftigte startet, hat sie mit einer Forderung von sechs Prozent ein Signal für die Nachkrisenzeit gesetzt.

Generell hängt die Antwort auf die Fairnessfrage stark davon ab, wie man rückblickend die Beiträge zur Jobsicherung in der Krise bewertet. Für das Instrument Kurzarbeit lässt sich mit Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Folgendes ermitteln: 43 Prozent der Last übernahmen Steuer- und Beitragszahler. 36 Prozent trugen die Arbeitgeber als sogenannte Remanenzkosten, die – trotz Kurzarbeiterförderung – bei Arbeitsausfall weiterlaufen. Und 21 Prozent schulterten die Arbeitnehmer als Lohneinbuße.

Lohn-Gewinn-Relation als Maßstab

Was folgt daraus? Zumindest haben sich auch die Arbeitgeber die Jobsicherung einiges kosten lassen, selbst wenn ihre 36 Prozent und die 21 Prozent der Arbeitnehmer nicht exakt vergleichbar sind: Kritiker mögen einwenden, die Betriebe hätten sich die teure Fachkräftesuche nach der Krise erspart, von vermiedenen Entlassungskosten ganz zu schweigen.

Fragt man den Arbeitgeberverband Gesamtmetall, so macht dieser aber noch andere Rechnungen auf. Etwa die: Im Langfristvergleich war die Summe aller Bruttolöhne bei Metall- und Elektrofirmen stets knapp fünfmal so hoch wie die Summe ihrer Gewinne. Im Boomjahr 2007 fiel der Faktor allerdings auf unter drei, die Gewinne machten also viel Boden gut – bis zur Krise: 2009 erreichten umgekehrt die Löhne gar das 21-Fache der Gewinne. Und nun pegelt sich der Faktor laut Gesamtmetall wieder bei 4,8 ein, also auf Normalniveau. Insofern wäre die tarifliche Nullrunde 2010 erstaunlich fair: Die Jobs sind wieder sicher, doch keine Seite hätte die andere im Verteilungskampf übertrumpft.

Im Frühjahr 2011 erhalten die Metaller das schon vorab vereinbarte Tarifplus von 2,7 Prozent, was ebenfalls ein normaler Wert ist. Routinierten Beobachtern fällt hier indes noch etwas auf: Wollte eine Gewerkschaft in neuen Verhandlungen 2,7 Prozent erzielen, müsste sie erfahrungsgemäß am Anfang etwa sechs Prozent fordern – so wie es die IG Metall jetzt in der Stahlindustrie tut.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent

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