Lohnzuwachs
Weihnachtsgeld steigt – auf dem Papier

Deutsche Arbeitnehmer können sich in diesem Jahr über teilweise ansehnliche Zuwächse beim Weihnachtsgeld freuen – vorausgesetzt, die Tariferhöhungen werden nicht durch betriebliche Sparmaßnahmen ausgehebelt. Zumindest auf dem Papier des Tarifvertrags steht je nach Branche ein Plus von bis zu 7,3 Prozent.

BERLIN. Das hat das Tarifarchiv der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung in einer Auswertung für insgesamt 23 Tarifbereiche ermittelt. Den Spitzenwert erreicht die ostdeutsche Chemieindustrie: Bezogen auf ein mittleres Einkommen entsprechen die 7,3 Prozent dort einer Weihnachtsgelderhöhung um 117 Euro gegenüber 2008. Die Auszahlung beträgt dann 1 715 Euro oder 65 Prozent eines mittleren Monatslohns. Deutliche Zuwächse gibt aber auch der Chemietarif im Westen vor: Ein Plus von 3,3 Prozent oder 87 Euro lässt die Sonderzahlung dort auf 2 711 Euro steigen. Das sind 95 Prozent eines mittleren Monatslohns und zugleich auch der höchste Gesamtbetrag in der aktuellen Branchenübersicht.

Überdurchschnittlich hohe tarifliche Weihnachtsgelder gibt es auch in der Druckindustrie (2.290 Euro in Ost und West) und im öffentlichen Dienst (2.132 Euro im Westen). Allerdings hat sich der Betrag in der Druckindustrie gegenüber 2008 nicht erhöht – der jüngste Tarifabschluss stand schon im Zeichen der Krise. Umgekehrt sind die Verhältnisse dagegen in der Metallindustrie: Der Tarifabschluss von 2008 hat den Metallern zwar ein kräftiges Plus von 4,2 Prozent gebracht. Während ihre regulären Löhne stets am oberen Rand der Vergleichsskala liegen, ist die Ausgangsbasis aber beim Weihnachtsgeld eher niedrig – es beträgt je nach Region 50 oder 55 Prozent eines Monatslohns. Für einen typischen Metaller steigt die Sonderzahlung damit um 56 auf 1.392 Euro.

Für Reinhard Bispinck, Leiter des Tarifarchivs, sind die Daten prinzipiell ein Erfolgsausweis für die Tarifpolitik. Allerdings: Im Rahmen von Tariföffnungsklauseln und Beschäftigungspakten wird das Weihnachtsgeld diesmal in vielen Betrieben nicht voll ausgezahlt – oder es werden zumindest übertarifliche Zulagen gekürzt. Anhaltspunkte dafür liefert eine repräsentative Betriebsrätebefragung von Forschern der Böckler-Stiftung. Im Schnitt plant demnach jeder zehnte Betrieb krisenbedingte Abstriche, in der Industrie betrifft dies sogar 15 bis 20 Prozent der Betriebe.

Dies betrifft auch die Sozialkassen. In der Regel sprudeln ihre Einnahmen im vierten Quartal kräftig, weil dann auch vom Weihnachtsgeld Sozialbeiträge erhoben werden. In welche Richtung das Pendel diesmal ausschlägt, ist aber unklar: Die Tariferhöhungen bieten ihnen einerseits Chancen auf eine unverhofft günstige Entwicklung – womöglich aber verkehrt sich dieser Effekt infolge betrieblicher Kürzungen ins Gegenteil. Nähere Hinweise könnte in der kommenden Woche die Bundesagentur für Arbeit (BA) liefern. Sie bereitet derzeit gerade eine neue Finanzprojektion vor.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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