Lothar Späth
Das „Cleverle“ als Heuschrecke

Madonna und Lothar Späth haben eine Gemeinsamkeit: Sie erfinden sich immer wieder neu. Nun will der ehemalige Ministerpräsident, Jenoptik-Chef und Investmentbanker zum Wagniskapitalgeber werden - und jungen Unternehmen beim Wachsen helfen.

FRANKFURT. Lothar Späth hat in seinem Leben bereits so gut wie alles gemacht – Ministerpräsident, „Reservekanzler“, Vorstandsvorsitzender, Investmentbanker, Talkmaster und Schlichter in Tarifverhandlungen. Jetzt, mit 71 Jahren, fügt er noch ein neues Betätigungsfeld hinzu: Wagniskapitalgeber. Seit 1. Juli ist der langjährige Jenoptik-Chef Berater bei der Venture-Capital-Gesellschaft Grazia Equity, die sich auf Frühphaseninvestments spezialisiert hat.

Für Späth scheint die neue Funktion eine Herzensangelegenheit zu sein. „Deutschland braucht gerade jetzt mehr junge Unternehmen“, sagt der CDU-Politiker. Klar, er werde nicht in das Management der einzelnen Start-ups einziehen. Aber es gebe andere Fähigkeiten, die er parat habe: „In diesen Bereichen ist es wichtig, Kontakte herzustellen und Erfahrungen weiterzugeben.“ Ganz überraschend kommt der Schritt nicht – schon immer hatte der gelernte Verwaltungsfachmann ein Faible für High Tech und Technologietransfer. In seiner Amtszeit als Ministerpräsident von Baden-Württemberg von 1978 bis 1991 fädelte er unter anderem die Übernahme von Dornier durch Daimler-Benz ein. Zugleich sorgte er für die Gründung von wirtschaftsnahen Forschungsinstituten und Technologiezentren im „Ländle“. Schon damals bewies Späth strategischen Weitblick und Innovationsgeist – so, wie es sich für einen begeisterten Skat-Spieler eben gehört.

Als der Politiker 1991 über von Firmen bezahlte Privatreisen – Schlagwort „Traumschiff-Affäre“ – stolpert, tut das seiner Karriere keinen Abbruch. Stehaufmännchen Späth brauchte damals nur wenige Monate, um sich zu berappeln – und wurde Chef des Jenaer Technologiekonzerns Jenoptik. Nach brutaler Sanierung, Börsengang und erfolgreichem Wachstum gibt Späth 2003 den Chefsessel auf.

Und fängt noch einmal neu an: Er wird strategischer Berater und Vice Chairman bei Merrill Lynch in Europa. Zwei Jahre später übernimmt er für die US-Investmentbank die Leitung der Geschäftsführung in Deutschland und Österreich. Mittlerweile gehört Merrill, eines der Opfer der Finanzkrise, zum Konkurrenten Bank of America. Späth gibt seine Funktionen weitgehend ab, ist aber nach wie vor als Berater tätig.

Die Meinung über seine Leistungen als Investmentbanker gehen auseinander. „Der war bestenfalls Türöffner“, sagt ein Konkurrent. Andere verweisen darauf, dass genau dies Späths Funktion gewesen sei. Tatsache ist: Der Rat des Mannes mit dem Spitznamen „Cleverle“ ist nach wie vor gefragt. Als es kürzlich um eine Einschätzung zur Nachfolge von Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn ging, wandte man sich auch an ihn.

Jetzt also will Späth seine Expertise – pardon: seine Cleverness – bei Grazia einbringen. Der Investor mit Sitz in München und Stuttgart gilt nicht als eine der größten Adressen im deutschen Venture Capital. Rund 100 Mio. Euro werden insgesamt verwaltet. Dennoch: Grazia hat beispielsweise mit dem Engagement bei der Solarfirma Conergy einen ganz großen Treffer gelandet. Späth als neuer Berater freut sich auf jeden Fall schon auf die neuen Aufgaben. „Golf kann ich nicht spielen“, meint er. Und ausschließlich um die Enkel kümmern, funktioniere auch nicht. „Also muss ich noch etwas machen, was mir Spaß macht.“

Hans G. Nagl
Hans G. Nagl
Handelsblatt / Senior Financial Correspondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%