Lothar Späth
„Was machen, wenn die alle auf einmal kommen?“

Der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg und Jenoptik-Chef kam zur Feier am 3. Oktober 1991 fast zu spät. Seine Erinnerungen an die Wende erzählte er Handelsblatt-Redakteur Martin-Werner Buchenau in seinem Leonberger Büro.
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Als die Mauer in Berlin fiel, war ich an dem wohl geographisch wie mental weitest entfernten Punkt in Deutschland, auf einer Konferenz am Bodensee. Ich flog früher mit dem Helikopter heim. Meine Frau hat an dem denkwürdigen Datum Geburtstag. Auf der kleinen Feier an diesem 9. November stellten sich alle nur eine Frage: Ist das unumkehrbar und damit der Weg frei für die Wiedervereinigung?

Typisch schwäbisch machten wir uns gleich pragmatische Gedanken: Was machen wir, wenn die alle auf einmal kommen? So lustig das heute klingen mag, aber damals mussten wir mit allem rechnen.

Es wurde sogar in Gedankenspiele durchexerziert, wie viele Menschen wir wohl in Baden-Württemberg in Turnhallen unterbringen könnten. Für atomare Erstschläge gab es Notfallpläne, für eine friedliche Grenzöffnung nicht. Im Nachhinein fragt man sich, was das Ministerium für innerdeutsche Angelegenheiten die ganze Zeit zuvor getan hat.

Jetzt war der Augenblick zu handeln. Ich schickte meinen Ministerialdirigenten Hans-Peter Mengele bereits am 25. November 1989 nach Dresden, um Vorgespräche für ein Treffen mit Hans Modrow zu führen. Als Termin war der 10. Dezember vorgesehen.

Den Flug dorthin werde ich nie vergessen. Nach kurzer Zeit erreichte der Jet den tschechoslowakischen Luftraum und schwebte hoch über dem Tal der Elbe nach Norden in Richtung Staatsgrenze DDR. Das Elbsandsteingebirge kam in Sicht, ein herrlicher Blick. Die spezielle Route hatten wir den Alliierten zu verdanken, weil der direkte Überflug der "Zonengrenze" zwischen der Bundesrepublik und der DDR noch immer verboten war.

Ganz große Weltgeschichte

Noch bevor dieser Tag in Ost-Berlin richtig begonnen hatte, waren der Sonderparteitag der SED in den frühen Morgenstunden abgebrochen und das Zentralkomitee und das Politbüro der SED aufgelöst worden. Die Schaltzentrale des kommunistischen Regimes hatte man quasi über Nacht abgeschafft.

Auf dem Dresdener Flughafen war das Rollfeld gespenstisch leer. Eine kleine Gruppe Menschen war dann aber doch zum Empfang erschienen. Zaghafter Applaus und ein nettes Transparent. "Spät(h) kommt Ihr , doch Ihr kommt. Allein der weite Weg entschuldigt Euer Säumen." Deutsche Klassik. Schillers Wallenstein, der Gruß Feldmarschall Illos an Graf Isolan. Wir waren in Deutschland.

Mir war sofort klar, was das Volk wollte: freie Wahlen, die Einheit und die D-Mark. Ich versprach dem schwäbischen Naturell entsprechend keine Wunder.

Das alles hatte etwas von ganz großer Weltgeschichte. Dass sich damit auch für mich später ein zweiter Lebensabschnitt eröffnen würde, ahnte ich damals noch nicht.

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