Ludwig Poullain
„Sollen Italien und Frankreich im Euro bleiben?“

Ludwig Poullain war der letzte große Chef der West LB. Mit Handelsblatt Online spricht der 93-Jährige über die Schuld der Banker, die Feigheit der Politiker – und die Sehnsucht nach dem großen Knall.
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DüsseldorfHerr Poullain, Sie fanden den Euro schon falsch konstruiert, als die Deutschen selig die neue Währung bejubelten und Europa wuchs und wuchs. Wenn Sie nun sehen, wie die Realität Ihre Analyse einholt: Lohnt sich ein Sturkopf manchmal doch?
Ich stand lange alleine mit meiner Meinung zum Euro, zur Zukunft Frankreichs. Aber so langsam holt mich die Meute wieder ein. Ich kann mich jedenfalls nicht mehr beklagen, nicht gehört zu werden. Auch, wenn ich bei weitem nicht alles verstehe, was da vor sich geht – oder Ihnen sagen kann, wie wir aus diesem Schlamassel wieder herauskommen.

Sie waren Chef einer Landesbank, die sich früh für das Auslandsgeschäft öffnete, haben Freunde in ganz Europa, sahen den Export schon als Wohlstandsquell für Deutschland, als andere noch an den Segen des Protektionismus glaubten – und nun verzweifeln ausgerechnet Sie am Euro?
Ich bin ja noch ein Zeitzeuge. Als der Krieg zu Ende war, hatten wir in Zentraleuropa ein gemeinsames, großes Interesse: das war Frieden. Und wir wussten: Nur, wenn alle Grenzen fallen, werden wir in Zentraleuropa nicht mehr aufeinander schießen. Wir waren bis dahin ja alle in der Gewissheit groß geworden, dass Krieg zum Leben schon irgendwie dazu gehört. Und diese Gewissheit hat uns die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, zum Glück, genommen.

Kommt Ihnen das manchmal angesichts der Proteste, der Anti-Merkelstimmung in Griechenland, Italien oder Spanien surreal vor heute?
Der Krieg von 1945 war so grausam, dass der Gegenpol dazu selbstredend Frieden war. Ich war auch von Robert Schumann, von seinen Plänen zur EWG begeistert. Und diese EWG war ja, so lange bis man ihr das W weggenommen hat, eine Gemeinschaft, die uns allen mehr Frieden und mehr Wohlstand gebracht hat. Die Voraussetzungen für Begeisterung waren damals andere.

Was hat sich an diesem Willen, an dieser Erkenntnis, dass Gemeinschaft Frieden schafft, heute geändert?
Den Völkern Europas wurde eine Wohlstandsverheißung gemacht. Und so lange diese eingehalten wurde – und das war über Jahrzehnte – haben Europas Völker an den Sinn dieser Gemeinschaft geglaubt. Heute aber sind die Südeuropäer auf der anderen Seite dieser Wohlstandsverheißung. Gar nicht auszumalen, was passiert wäre, wenn wir nun auf dieser anderen Seite stehen würden.

Wie kann die Hälfte des Kontinents von jetzt auf gleich den Glauben an diese Wohlstandsverheißung, wie Sie es nennen, verlieren?
Irgendwann ist die Idee abhandengekommen, welches Europa wir wozu haben möchten. Wollen wir ein merkantilistisches Europa? Was ist die Idee von Europa? So lange wir darauf keine Antwort haben, frag ich mich, ob es so sinnvoll ist, Frankreich, Spanien, Italien alle im Euro zu halten. Und fragen sich die Menschen, wozu sie dieses gegenseitige Verständnis aufbringen sollen.

Aus Ihnen klingt ein tiefes Bekenntnis zu Europa, aber eine hartnäckige Abneigung gegen den Euro.
Beides gehört irgendwie und irgendwann auch zusammen. Aber nicht so, wie es gemacht wurde. Wer hat diesen Teufel geritten, alles so schnell durchzupauken? Das ist keine Kritik nur an der Vergangenheit, das ist eine Frage, die ich auch an die Zukunft stelle. Warum geben wir den Völkern Europas nicht 100 Jahre Zeit, sich an den Gedanken, aber auch an die Anforderungen eines gemeinsamen Währungsraums zu halten?

Zu spät, würden Ihnen die Pragmatiker, die in Regierungen, Notenbanken und Banken das Sagen haben, entgegenhalten.
Aber welche Alternative haben die? Die Austeritätspolitik von Frau Merkel jedenfalls ist zu Ende. Die ist, egal ob sie richtig ist oder nicht, nicht mehr durchsetzbar in Europa. Das ist ein Sprengsatz, für uns ist der Euro zu billig, für andere zu teuer. Um diese Erkenntnis kann man sich doch nicht herumdrücken. Wie wollen Sie denn ein ökonomisches Problem, eins das durch Zahlen ganz offensichtlich wird, politisch lösen?

Kommentare zu " Ludwig Poullain : „Sollen Italien und Frankreich im Euro bleiben?“"

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  • Der Meinung stimme ich im wesentlichen auch zu. Wenn man zusammenfassen würde, das Deutschland nicht mit den anderen Ländern im gleichen Euro bleiben kann, dann ich stimme ich voll zu.

    Für mich ist folgendes Szenario wahrscheinlicher. Wir bleiben alle zusammen im Euro und jedes Land hat eine eigene Währung, ein eigenes Umtauschverhältnis zum Euro.

    Ansonsten läuft es auf den Supergau hinaus, was ich bei dem Krisenmanagement von Merkel und Schäuble für gesetzt halte.

    Herr Poullain hat auch im hohen Alter die Fähigkeit die Welt von oben und nicht wie die heutigen Politiker aus der Froschperspektive zu betrachten. Das ist eben der Unterschied zu einem Proleten, ganz gleich mit welchem Deckmantel er sich umgibt.

  • Ich bin davon überzeugt, dass selbst unsere Politpfeifen genau wissen, dass Poullain recht hat. In allen Punkten. Aber unsere feinen Volksverräter halten weitgehend geschlossen die Klappe, weil sie bis zum Knall noch an ihrer Karriere feilen wollen. Oder weil sie eh nur das Sprachrohr schmieriger Lobbysisten sind.

    Man sollte beispielsweise Poullain mal fragen, wie er es findet, dass sich Goldman Sachs über ihre Anwaltskanzlei Freshfields das Bankenrettungsgesetz quasi selbst geschrieben hat. Oder besser nicht, möchte nicht Schuld sein am Herzinfarkt eines weisen Mannes.

  • Herr Poullain sollte der Alternative für Deutschland (AfD) beitreten

    Wie kann man ein ökonomisches Problem "politisch" lösen (was immer das heißt)? Man kann es nicht. Die Eurokrise kann nicht ohne Abschaffung des Euro gelöst werden - was aber die unwissende Politikkaste noch nicht wahrhaben will. Zeit kann man natürlich noch "kaufen" - was in diesem Fall alle teuer zu stehen kommen wird.

    Herr Poullain sieht als Lösung, dass die Krisenländer irgendwann einsehen, dass der Euro ihnen schadet und dann austreten. Das sieht die AfD genauso. Sie möchte diese Einsicht noch dadurch fördern, dass den Krisenländern die weitere (maastrichtwidrige) Finanzierung durch Deutschland u.a. vorenthalten wird.

    Herr Poullain spricht hier indirekt eine Emfehlung für die AfD aus. Vielleicht sollte er eintreten.

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