Machtkampf
SPD: Der Tag danach

Die SPD ist bei der Bundestagswahl untergegangen wie nie zuvor eine Partei in der Bundesrepublik. Während die einen noch versuchen zu verstehen, treten Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering den Machtkampf los. Gewinnen kann nur einer von beiden. Oder keiner.

BERLIN. Als die Nacht sich über den Prenzlauer Berg in Berlin senkt, donnert ein weißer Bus durch eine kleine Straße. Björn Böhnings Helfer+ sind unterwegs, seit Tagen, seit Nächten. Sie wollen Böhning retten, die SPD und irgendwie auch Deutschland. Retten vor Schwarz-Gelb. Sie haben noch Hoffnung, aber ihnen bleiben nur noch ein paar Stunden. Die Seitenfenster sind heruntergelassen, aus dem Bus wummert ein altes Lied von AC/DC, der Titel: „Highway to Hell“.

Keine 20 Stunden später steht Björn Böhning in der Parteizentrale seiner SPD, im Schatten des bronzenen Willy Brandt, und versucht, einen klaren Gedanken zu fassen. Er ist in der Hölle angekommen, die SPD ist in der Hölle angekommen. Highway to Hell.

Deutschland hat gewählt, und das Ergebnis ist niederschmetternd für die Sozialdemokraten. Der rote Balken in den Hochrechnungen, ihre SPD, bleibt bei gut 23 Prozent stehen. Das schlechteste Ergebnis seit Bestehen der Bundesrepublik. Nie hat eine Partei in vier Jahren elf Prozentpunkte verloren.

Böhning sagt zwei, drei kurze Sätze, in denen das Wort Erneuerung vorkommt. Die Zeit der Abrechnungen ist gekommen, das ist klar. Böhning ist nur einer von vielen in der SPD, die von Erneuerung sprechen.

Die Nacht gerät kurz. Am Montagmorgen treffen im Willy-Brandt-Haus nach und nach die Mitglieder des Präsidiums und des Vorstands ein. Der Schrecken ist noch immer nicht aus ihren Gesichtern gewichen. Und diejenigen, die überhaupt etwas sagen, stimmen in die Erneuerungsmelodie ein. „Ein Weiter-so geht nicht“, sagt Andrea Nahles, die stellvertretende Parteivorsitzende. „Es wird eine Erneuerung geben“, sagt Hubertus Heil, der Generalsekretär.

Das Ausmaß der Verheerung, die ihre Partei erschüttert, ahnt, wer studiert, wie dieser Verlust zustande gekommen ist und welche Folgen er hat: Die Bundestagsfraktion ist nach dieser Wahl um ein Drittel kleiner, sie hat 74 von 222 Sitzen verloren, sieben Ministerposten, Staatssekretärsämter, ein Vielfaches an Zuarbeitern in den Ministerien und den Fraktionen. Eine Reihe gestandener Größen hatte keine Chance in ihren Wahlkreisen. Ottmar Schreiner, der profilierteste Parteilinke. Andrea Nahles, die Vizechefin der Partei. Peer Steinbrück, der Finanzminister. Und sie sind nur drei von vielen.

Die Sozialdemokraten waren darauf vorbereitet, dass sie diese Wahl nicht gewinnen würden. Mit einer solch verheerenden Niederlage aber hatten sie nicht gerechnet. Waren nicht zuletzt die Umfragen endlich wieder gestiegen in Richtung 30 Prozent?

Während Nahles und Heil kurz ein paar Fragen beantworten, entbrennt hinter den Kulissen der Kampf um die Macht in der neuen, der 23-Prozent-SPD. Seine Protagonisten: Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering, der gescheiterte Kanzlerkandidat und der gescheiterte Kampagnenführer dieses Wahlkampfs. Der eine hat die Partei mit seinem Einsatz im Wahlkampf noch mal hoffen lassen. Der andere gilt als Vergangenheit, als Mann der verhassten Agenda 2010, der nicht mehr für Erneuerung stehen kann. Der aber nicht sofort gehen will.

Schon am Sonntagabend deutet sich an, dass sich in kurzer Zeit etwas verändert hat in diesem Verhältnis.

Bis eben noch haben sie Seit' an Seit' gekämpft. Nun stehen sie gemeinsam auf einem Podium im Atrium des Willy-Brandt-Hauses, sie sollen erklären, was kaum zu erklären ist: Wie konnte das passieren? Müntefering steht kerzengerade, die Lippen sind ein schmaler Strich, sein Blick sucht Halt irgendwo im Raum. Steinmeier sagt, er sei stolz auf die SPD, auf die 146-jährige Geschichte, die vielen Helfer. Er sagt, er stehe als Oppositionsführer zur Verfügung. Applaus, unwirklich lang angesichts des Ergebnisses. Müntefering steht regungslos daneben. Steinmeier greift nach der Macht, dem Amt des Fraktionschefs, so etwas hat er noch nie getan, ohne dass er sich bitten ließ.

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