#machwaszaehlt
Alles außer Krieg

„Krisenherde löschst du nicht mit Abwarten und Teetrinken“: Mit lockeren Sprüchen wirbt die Bundeswehr in ihrer neuen Kampagne „Mach, was wirklich zählt“ um Nachwuchs. Jetzt wird die Kritik im Netz immer lauter.

DüsseldorfDie Bundeswehr plagen Nachwuchssorgen: Seit Abschaffung der Wehrpflicht ist die Zahl der Wehrdienstleistenden innerhalb von fünf Jahren von 60.000 auf 11.000 geschrumpft. Die Bundeswehr braucht also neuen Zulauf. Und um den kämpft sie mit allen Mitteln. Auch mit einer multimedialen Werbekampagne auf Plakatwänden, Facebook, Twitter und Instagram. Unter dem Motto „Mach, was wirklich zählt“ soll die knapp elf Millionen Euro teure Werbekampagne junge Leute davon überzeugen, ihr Leben in den Dienst der Bundeswehr zu stellen.


Die Aussage ist klar: Zur Bundeswehr geht derjenige, der wirklich etwas bewegen will.  „Junge Menschen fragen heute immer mehr nach dem Sinn ihrer Arbeit und was ihnen diese neben einem Einkommen eigentlich bringt. Darauf haben wir in der Bundeswehr starke Antworten“, sagt Dirk Feldhaus, Beauftragter für die Kommunikation der Arbeitgebermarke Bundeswehr und hauptverantwortlich für die neue Kampagne. Die Bundeswehr biete da als Arbeitgeber vielfältige und attraktive Möglichkeiten.

Es ist nicht der erste Versuch der Bundeswehr jung, hip und rebellisch zu wirken. Und es ist nicht der erste Versuch, der nach hinten losgeht. Beispielsweise warb die Bundeswehr 2014 mit Beachvolleyball, Bergwanderungen und Schlauchboottouren für die so genannten „Adventure Camps“ für Jugendliche. „Die in der Werbung verwendeten Bilder zeigen Sommer, Sonne, Strand und Meer und haben mit der Realität von Militäreinsätzen nichts zu tun“, teilte das Deutsche Bündnis Kindersoldaten damals mit. Die Aktion „Frauen in der Bundeswehr“ im gleichen Jahr, sollte gezielt weibliche Bewerber ansprechen. Aber Kampagnenbilder, die Frauen vor dem Kleiderschrank zeigten, in dem auch eine Bundeswehruniform hängt, oder zwischen einem Haufen bunter Schuhe und einem Kind im häuslichen Familienflur, vermittelten ein antiquiertes Frauenbild und stießen auf Kritik.

Auch die aktuelle Kampagne setzt auf ein Image, das der Lebensrealität eines Soldaten nur teilweise entspricht. Sportlich und aktiv - mir Soldatinnen, die auch bei Regen Joggen gehen, so zeichnen Bilder aus den dazugehörigen Videos im Netz den Alltag in der Bundeswehr. Ganz am Ende wird kurz angemerkt, dass man auch auf einen Einsatz in Kriegs- und Krisengebieten vorbereitet sein muss, dass man seinen Dienst eben auch an der Waffe tun muss. Aber eben erst am Ende.

Und genau dieser Punkt stößt bei der Netzgemeinde auf massives Unverständnis. Mit teils ironischen und sarkastischen Sprüchen finden sich bei Twitter, Instagram und Co. unzählige Verweise auf das, was die Kampagne „Mach, was wirklich zählt“, verschweigt:


Dass das Hashtag „#machwaszaehlt“, mit dem das Netz gegen die Bundeswehr mobil macht, ohne Umlaut geschrieben wird, ist kein Zufall. Sondern eine Gegenkampagne des Berliner Künstlerkollektivs Peng. „Dieses überall sichtbare Selbstvertrauen hat uns sehr wütend gemacht“, sagte Philipp Frisch vom Peng-Kollektiv gegenüber „Jetzt“. „Themen wie 'Tod' und 'Krieg' werden ganz bewusst von der Kampagne ausgelassen. Ausgerechnet heutzutage, wo das bei der Bundeswehr aktueller denn je ist. Es war uns wichtig, auch die andere Seite dieser aufpolierten Kampagne sichtbar zu machen.“

Die Bundeswehr hatte zwar vor dem Start der Kampagne am zweiten November mehrere mögliche Internetadressen reserviert, an diese -machwaszaehlt.de, hatte sie allerdings nicht gedacht. Die Künstler informieren auf ihrer Seite über all jene Dinge, die die Werbung ihrer Meinung nach ausblendet: Unter anderem finden sich ausführliche Informationen zu Folgeschäden von Kriegseinsätzen, Rechtsextremismus beim Bund oder die aktuellen Auslandseinsätze. Denn so wie die Originalkampagne aussehe, sagte Frisch weiter, könne man „echt denken, dass die Bundeswehr ein einziges großes Abenteuer ist“. Um seine Position zu verdeutlichen, wählt das Künstlerkollektiv eine ebenso einseitige Darstellung, wie die Bundeswehr selbst:


Dass das Hashtag #machwaszaehlt am Montag innerhalb weniger Stunden zu den Trending Topics bei Twitter gehörte zeigt, dass das Image der Soldatentruppe scheinbar immer noch angekratzt ist. Dabei attestiert sich die Bundeswehr in einer eigens in Auftrag gegebenen Umfrage, ein durchweg positives Image bei der deutschen Bevölkerung. Die digitale Gesellschaft scheint anderer Meinung. Das könnte auch daran liegen, dass die Bundeswehr die Arbeit ihrer Soldaten und Soldatinnen in Kampagnen wie der aktuellen nicht wahrheitsgetreu abbildet.

Fakt ist: Allein im vergangenen Jahr sind laut offiziellen Angaben der Bundeswehr, 1.602 Behandlungsfälle von psychischen Erkrankungen aufgetreten, über die Hälfte aller Frauen in der Bundeswehr gaben laut einer Studie des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein, und 26 Prozent der Soldaten stufen sich demnach selbst als Rechts ein.

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