Mahner, Warner, Brückenbauer
Trauer um Zentralratspräsident Paul Spiegel

Kein zweites öffentliches Amt in der Bundesrepublik bringt wohl ein solches Wechselbad der Gefühle mit sich: Paul Spiegel, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, waren die Anstrengungen seines Amtes anzusehen.

HB DÜSSELDORF/BERLIN. Am Sonntag ist der oberste Repräsentant von mehr als 100 000 Juden nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 68 Jahren gestorben. Als Nachfolger des von ihm hochverehrten Ignatz Bubis hatte der Düsseldorfer das Amt des Zentralratspräsidenten seit Januar 2000 inne.

Der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer, bezeichnete den Tod von Paul Spiegel als einen „schwerwiegenden und kaum zu beschreibenden Verlust“ für Juden und Nicht-Juden in Deutschland. „Wir verlieren einen bedeutenden Juden und Europäer. Paul Spiegel war ein großer Brückenbauer“, sagte Kramer. Er habe Vertrauen genossen, „weit über alle Konfessionsgrenzen hinaus und in allen gesellschaftlichen Gruppen“. Zur Amtsnachfolge wollte sich Kramer noch nicht äußern.

Der Düsseldorfer Unternehmer befand sich seit mehreren Wochen nach Herzproblemen im Krankenhaus. Zudem war eine Vorstufe von Leukämie festgestellt worden. Mitte April hatte der Zentralrat mitgeteilt, es gehe Spiegel wieder besser. Er sei nach einem längeren Koma wieder zu Bewusstsein gekommen. Nach Angaben von Kramer hatte sich der Gesundheitszustand Spiegels durch neue Infektionen in der vergangenen Woche aber erneut verschlechtert. Er sei am frühen Sonntagmorgen um 04.30 Uhr gestorben.



Spiegel, am 31. Dezember 1937 geboren, war nicht nur Warner vor antisemitischen Tendenzen und Mahner für eine kämpferische Demokratie, sondern auch konzilianter Brückenbauer zur nichtjüdischen Mehrheit. Er konnte sich im Januar 2003 über den Abschluss des ersten Staatsvertrages zwischen Zentralrat und Bundesregierung freuen. Ein weiterer Höhepunkt seiner Amtszeit war der erste Besuch eines israelischen Staatspräsidenten bei einer Synagogen-Eröffnung auf deutschem Boden. Doch immer wieder rissen öffentliche Äußerungen wie etwa das israel-kritische Flugblatt des FDP-Politikers Jürgen W. Möllemann schmerzhafte Wunden auf.

Wie bei fast allen deutschen Juden war auch der Lebenslauf Spiegels von Schrecken und Erinnerung geprägt. Den NS-Rassenwahn überlebte er als Kind versteckt im besetzten Belgien. Nach dem Vorbild seines Vaters widmete er sich bald dem Aufbau eines jüdischen Gemeindelebens. Spiegel arbeitete von 1965 an als Redakteur und gründete 1986 auf Anregung des TV-Entertainers Hans Rosenthal eine Künstleragentur. 1993 wurde er zunächst Vizepräsident des Zentralrates. Nach dem Tod von Bubis trat er dessen Nachfolge an und gewann rasch eine eigene Kontur.

Spiegel war verheiratet und hatte zwei Töchter.

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