Mai-Kundgebung in Berlin
Ein bisschen Klassenkampf

In Berlin verteidigt der DGB den Mindestlohn als „historischer Erfolg“ – und schaut über die Grenzen Deutschlands hinaus. Gewerkschaftschef Hoffmann übt sich in Klassenkampfrhetorik – Selbstkritik ist nicht angesagt.
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BerlinDas Wetter meint es gut mit den Gewerkschaftern. Auf dem Pflaster trocknen noch die Pfützen des ersten Frühlingsgewitters, als Reiner Hoffmann zum Rednerpult geht. Der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes ist etwas heiser, als er – das Brandenburger Tor im Rücken – die Bühne betritt.

Schon lange nicht mehr konnte eine Gewerkschafter so selbstbewusst vor die „lieben Kolleginnen und Kollegen“ treten wie in diesem Jahr. Die Rente mit 63? Für viele hart arbeitende Menschen endlich der „verdiente Ruhestand“, ruft Hoffmann.
Der Mindestlohn? Ein „historischer Erfolg“. Es sei „abstrus“, wie die Arbeitgeber und leider auch Teile der Union die gesetzliche Lohnuntergrenze angriffen. Wer sich gegen die Aufzeichnung von Arbeitszeiten wehre, wolle zurück ins 19. Jahrhundert.
Scharf greift Hoffmann das von den Arbeitgebern geforderte „Belastungsmoratorium“ für die Wirtschaft an. „Ein Moratorium ist nichts anderes als Stillstand. So wird es nicht gelingen, die Arbeit der Zukunft zu organisieren.“

Genau diesen Anspruch erheben aber die Gewerkschaften. „Die Arbeit der Zukunft gestalten wir!“ heißt das diesjährige Motto der Maikundgebungen – selbstbewusst mit einem Ausrufezeichen versehen. „Hallo Feierabend“, steht auf den Plakaten neben der Bühne, „Buenos dias Wochenende“!, Bye-bye burnout!“ oder „Tschö Familienfeindlichkeit!“. Anspielungen vor allem auf die schöne neue digitale Arbeitswelt, wo das Smartphone eine Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit des Arbeitnehmers bedeutet.

Ein bisschen Klassenkampf lässt Hoffmann auch aufblitzen. In Europa seien 27 Millionen Menschen arbeitslos, in vielen Ländern habe jeder zweite Jugendliche keinen Job. Das sei das katastrophale Ergebnis eines Spardiktats, ganze Länder würden gezwungen, „sich kaputtzusparen“, ruft Hoffmann.

Der Gestaltungsanspruch der Gewerkschaften mache an den Grenzern Europas aber nicht halt, sagt der Gewerkschafter. Flüchtlinge aufzunehmen, sei „unsere humanitäre Pflicht und Verantwortung“. Und fast kein Produkt, das man in Deutschland kaufen könne, werde allein hier hergestellt. Deshalb gebühre dem Bauarbeiter in Katar genau so unsere Solidarität wie der Clickworkerin in Indien“, ruft der DGB-Chef, der für gut sechs Millionen Gewerkschaftsmitglieder in Deutschland spricht. „Geiz ist nicht geil“, betont Hoffmann in Anspielung an die getöteten Textilarbeiterinnen in Bangladesch, „sondern unanständig und oft sogar skrupellos.“

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