Maischberger-Talk zu Japan
Willkommen in der „Gefühlsdemokratie“

AKW-Befürworter müssen Demut üben im TV. Die deutsche „Gefühlsdemokratie“ zwingt sie in die Knie. Warum verstehen das nur die Japaner nicht? Eine Kritik zu Sandra Maischberger.
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DüsseldorfJedes Kind kennt diesen Satz: „Muss denn erst etwas Schlimmes passieren, damit du dein Handeln überdenkst?“ Wie richtig diese elterliche Ermahnung ist, hat jeder schon einmal am eigenen Leibe erfahren.

In der Nuklearfrage haben die meisten hierzulande – Politiker, Unternehmen und auch Bürger – diese Lebensweisheit lange ausgeblendet. Es schien auch gar nicht so teuflisch, dieses Kernkraftwerk, das sich so friedlich in die Flusslandschaft einfügt, das keinen schwarzen Rauch ausstößt, keinen Lärm macht, keine unangenehmen Gerüche produziert. Zu abstrakt wirkte der Begriff „Restrisiko“, zu unvorstellbar die enormen Kräfte der Spaltung von Atomkernen. Und was man nicht versteht, verdrängt man gern. Bis etwas Schlimmes passiert. An diesem Punkt sind wir nun wieder – in Japan, Fukushima.

Es ist ein hilfloses Warten auf den GAU. Und die deutschen TV-Talks müssen aufpassen, wollen sie bei der Aufarbeitung der Tragödie nicht im Banalen enden, sich verlieren in einer respektlosen Plauderei aus 8000 Kilometern Sicherheitsentfernung.

Was Anne Will zum Auftakt der großen Atomdebatte nicht gelang, will Sandra Maischberger nun besser machen. „Die Geister, die wir riefen – Atomkraft außer Kontrolle?“ fragt sie am späten Dienstagabend in ihrer Sendung, just nachdem die Nachrichten einen weiteren dramatischen Brand im Katastrophen-AKW verkündet haben. Und was passiert eigentlich gerade mit der Politik in Deutschland?  

Eigentlich sollte Markus Söder von der CSU kommen. Er kam aber nicht. Vielleicht beschäftigt mit der hastigen Abschaltung des Altmeilers Isar I. Dessen Aus hatte der bayrische Umweltminister zuvor unter Applaus im Parteipräsidium verkündet. „Politische Panikreaktion“ nennt das Richard David Precht, der hübsche langhaarige Dauertalkshowgast und Philosoph, der bekanntlich zu allem eine Meinung hat. Also auch zu Deutschlands „Schrottmeilern“. Und Achtung, jetzt wird es wirklich philosophisch: „Der Motor des sozialen Geschehens ist niemals die Vernunft, sondern der Affekt.“

Wie sonst ist Angela Merkels „180-Grad-Wende“ (SPD-Atomkritiker Erhard Eppler) in der Atompolitik zu verstehen? Es ist das Resultat einer deutschen „Gefühlsdemokratie“, meint der einsame Atombefürworter und Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer. Die Deutschen reagierten beim Thema Strahlung und Krebs eben besonders empfindlich.

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  • Ich habe mir das getern eine kleine Weile angesehen und dann abgeschaltet. Dieses Kaffeekränzchen-Gelaber konnte ich mir nicht anhören.
    Es ist schlimm, was derzeit stattfindet und wer sich da alles in die Sendungen begibt und sich als Experte berufen fühlt.
    Jetzt fehlen eigentlich nur noch unsere sonstigen selbsternannten Experten Prof. Hüther, Raffelhüsehn und dieser eine Spinner von den Wirtschaftsweisen, Zimmer oder Zimmermann oder so ähnlich
    Wenn das der öffentlich-rechtliche Auftrag der öffentlichen Medien ist, dann Gute Nacht.

  • Genau: die Zigarette! Also: Ab 3 Sievert Gesamtstrahlenbelastung steigt das Krebsrisiko um 1% (ja, das kann man messen, Deutschland hatte immerhin 5 Millionen Krebstote in den letzten 20 Jahren, da kommt das schon aus dem statistischen Rauschen raus). Die Bevoelkerung um Tschernobyl herum wurde offiziell evakuiert, nachdem ihre Belastung 0.35 Sievert ueberstieg, also 10% dieser Schwelle. Kinder sind allerdings viel staeker betroffen, wegen des rapiden Zellwachstums, und die Weltgesundheitsorganisation hat im Bericht 20 Jahre nach Tschernobyl auch offiziell festgestellt, dass es unter den ehemaligen Tschernobyl-Kindern 9 Krebstote gab.

    Diese Dinge sind also keine Fiktion. Dumm nur, dass die Krebstoten unter den ehemaligen deutschen Kindern allein wegen des Rauchens in den letzten 20 Jahren in die Hunderttausende gehen. Und die wissen vielleicht nichtmal, wie man Tschernobyl schreibt. Werden es auch nicht wissen, sind ja tot.

  • Ich finde die dispektierliche Darstellung von Richard David Precht unangemessen. Precht fällt mir in Diskussionsrunden stets sehr wohltuend auf, da er anders als andere Diskussionsteilnehmer - frei von der Last eines innehabenden Amtes - den gesunden Menschenverstand benutztend sagen kann, was er wirklich denkt. Und dabei agiert er völlig unaufgeregt und sehr sachlich

    Als Gegengewicht zu den ganzen sonst anwesenden Vertretern politischer Parteien, Verbänden oder Unternehmen ist diese Freigeisthaltung überaus förderlich und bereichernd. Sie sollte keineswegs als "zu philosophisch" abgetan werden.

    Natürlich ist diese Freiheit gewissermaßen ein Privileg. Menschen, die Verantwortung für Parteien oder sonstige Organisationen aufgrund ihres Amtes tragen sind in den Möglichkeiten ihre tatsächliche Meinung zu äußern häufig eingeschränkt.
    Ich kann nur sagen: Weiter so, Herr Precht

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