Maischberger-Talk zu Japan Willkommen in der „Gefühlsdemokratie“

AKW-Befürworter müssen Demut üben im TV. Die deutsche „Gefühlsdemokratie“ zwingt sie in die Knie. Warum verstehen das nur die Japaner nicht? Eine Kritik zu Sandra Maischberger.
  • Christina Otten
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Evakuierte Japaner werden auf Strahlenbelastung getestet. Quelle: dapd

Evakuierte Japaner werden auf Strahlenbelastung getestet.

(Foto: dapd)

DüsseldorfJedes Kind kennt diesen Satz: „Muss denn erst etwas Schlimmes passieren, damit du dein Handeln überdenkst?“ Wie richtig diese elterliche Ermahnung ist, hat jeder schon einmal am eigenen Leibe erfahren.

In der Nuklearfrage haben die meisten hierzulande – Politiker, Unternehmen und auch Bürger – diese Lebensweisheit lange ausgeblendet. Es schien auch gar nicht so teuflisch, dieses Kernkraftwerk, das sich so friedlich in die Flusslandschaft einfügt, das keinen schwarzen Rauch ausstößt, keinen Lärm macht, keine unangenehmen Gerüche produziert. Zu abstrakt wirkte der Begriff „Restrisiko“, zu unvorstellbar die enormen Kräfte der Spaltung von Atomkernen. Und was man nicht versteht, verdrängt man gern. Bis etwas Schlimmes passiert. An diesem Punkt sind wir nun wieder – in Japan, Fukushima.

Es ist ein hilfloses Warten auf den GAU. Und die deutschen TV-Talks müssen aufpassen, wollen sie bei der Aufarbeitung der Tragödie nicht im Banalen enden, sich verlieren in einer respektlosen Plauderei aus 8000 Kilometern Sicherheitsentfernung.

Was Anne Will zum Auftakt der großen Atomdebatte nicht gelang, will Sandra Maischberger nun besser machen. „Die Geister, die wir riefen – Atomkraft außer Kontrolle?“ fragt sie am späten Dienstagabend in ihrer Sendung, just nachdem die Nachrichten einen weiteren dramatischen Brand im Katastrophen-AKW verkündet haben. Und was passiert eigentlich gerade mit der Politik in Deutschland?  

Sandra Maischberger: „Die Geister, die wir riefen – Atomkraft außer Kontrolle?“ Quelle: obs

Sandra Maischberger: „Die Geister, die wir riefen – Atomkraft außer Kontrolle?“

(Foto: obs)

Eigentlich sollte Markus Söder von der CSU kommen. Er kam aber nicht. Vielleicht beschäftigt mit der hastigen Abschaltung des Altmeilers Isar I. Dessen Aus hatte der bayrische Umweltminister zuvor unter Applaus im Parteipräsidium verkündet. „Politische Panikreaktion“ nennt das Richard David Precht, der hübsche langhaarige Dauertalkshowgast und Philosoph, der bekanntlich zu allem eine Meinung hat. Also auch zu Deutschlands „Schrottmeilern“. Und Achtung, jetzt wird es wirklich philosophisch: „Der Motor des sozialen Geschehens ist niemals die Vernunft, sondern der Affekt.“

Wie sonst ist Angela Merkels „180-Grad-Wende“ (SPD-Atomkritiker Erhard Eppler) in der Atompolitik zu verstehen? Es ist das Resultat einer deutschen „Gefühlsdemokratie“, meint der einsame Atombefürworter und Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer. Die Deutschen reagierten beim Thema Strahlung und Krebs eben besonders empfindlich.

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13 Kommentare zu "Maischberger-Talk zu Japan: Willkommen in der „Gefühlsdemokratie“ "

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  • Ich habe mir das getern eine kleine Weile angesehen und dann abgeschaltet. Dieses Kaffeekränzchen-Gelaber konnte ich mir nicht anhören.
    Es ist schlimm, was derzeit stattfindet und wer sich da alles in die Sendungen begibt und sich als Experte berufen fühlt.
    Jetzt fehlen eigentlich nur noch unsere sonstigen selbsternannten Experten Prof. Hüther, Raffelhüsehn und dieser eine Spinner von den Wirtschaftsweisen, Zimmer oder Zimmermann oder so ähnlich
    Wenn das der öffentlich-rechtliche Auftrag der öffentlichen Medien ist, dann Gute Nacht.

  • Genau: die Zigarette! Also: Ab 3 Sievert Gesamtstrahlenbelastung steigt das Krebsrisiko um 1% (ja, das kann man messen, Deutschland hatte immerhin 5 Millionen Krebstote in den letzten 20 Jahren, da kommt das schon aus dem statistischen Rauschen raus). Die Bevoelkerung um Tschernobyl herum wurde offiziell evakuiert, nachdem ihre Belastung 0.35 Sievert ueberstieg, also 10% dieser Schwelle. Kinder sind allerdings viel staeker betroffen, wegen des rapiden Zellwachstums, und die Weltgesundheitsorganisation hat im Bericht 20 Jahre nach Tschernobyl auch offiziell festgestellt, dass es unter den ehemaligen Tschernobyl-Kindern 9 Krebstote gab.

    Diese Dinge sind also keine Fiktion. Dumm nur, dass die Krebstoten unter den ehemaligen deutschen Kindern allein wegen des Rauchens in den letzten 20 Jahren in die Hunderttausende gehen. Und die wissen vielleicht nichtmal, wie man Tschernobyl schreibt. Werden es auch nicht wissen, sind ja tot.

  • Ich finde die dispektierliche Darstellung von Richard David Precht unangemessen. Precht fällt mir in Diskussionsrunden stets sehr wohltuend auf, da er anders als andere Diskussionsteilnehmer - frei von der Last eines innehabenden Amtes - den gesunden Menschenverstand benutztend sagen kann, was er wirklich denkt. Und dabei agiert er völlig unaufgeregt und sehr sachlich

    Als Gegengewicht zu den ganzen sonst anwesenden Vertretern politischer Parteien, Verbänden oder Unternehmen ist diese Freigeisthaltung überaus förderlich und bereichernd. Sie sollte keineswegs als "zu philosophisch" abgetan werden.

    Natürlich ist diese Freiheit gewissermaßen ein Privileg. Menschen, die Verantwortung für Parteien oder sonstige Organisationen aufgrund ihres Amtes tragen sind in den Möglichkeiten ihre tatsächliche Meinung zu äußern häufig eingeschränkt.
    Ich kann nur sagen: Weiter so, Herr Precht

  • Anfang des 20. Jahrhunderts gab noch an eine andere 'menschengemachte' Katastrophe, die auf ein Erdbeben folgt: San Francisco. Und daraus ergibt sich folgende Lehre:

    Das Beben richtete sehr schwere Zerstoerungen an, aber der Hammer kam erst danach: Geborsten Gasleitungen und zerrissene Stromleitungen, denn bei Erdbeben gehen nun mal Sachen strukturell kaputt. Das fuehrte zu Funken und Explosionen. Die ganze Stadt ging in einem Brand unter, der wochenlang nicht geloescht werden konnte. Menschen verkohlten in den Flammen, und hinterlassen wurde ein Schutthaufen, wie nach einem Atomangriff.

    Die einzig logische Schlussfolgerung ist: San Francisco hat bewiesen, dass die Technologien Gas und Elektrizitaet grundsaetzlich nicht beherrschbar sind. Daher der Aufruf an alle: Sofortiger Ausstieg aus Gas und Strom. Unbedingt! Am Besten ab Montag keine Handys mehr aufladen. Alles Licht abschalten, kein Radio und keine Musik. Laptops schon gar nicht, die koennen ja selber in Brand geraten, und dann erst. Gas- und Elektroherde zwangsabschalten. Verbot von Gasheizungen usw.

    Jetzt erzaehle mir keiner, das sei Unsinn, weil deutsche Gas- und Stromleitungen sicher seien, und ich nicht den Teufel an die Wand malen soll. Ausstieg aus Technologie sofort, denn Technologie ist immer Zukunft und Zukunft kann man nicht komplett berechnen!

    Kranke und Tote sind mit nichts zu rechtfertigen. Schon klar, dass jedes Jahr weltweit mehrere Millionen Menschen sterben, weil sie kein sauberes Wasser haben. Deswegen muss man aber noch lange keine Klaeranlage bauen, weil wer weiss was da noch alles schief geht. Viel zu riskant! Oje...

  • Die Hysterie und politische Panik in Deutschland im wesentlichen geschürt durch die Funkmedien und die Gelassenheit verursacht durch die Vermeidung guter Berichterstattung in Japan - das sind schon krasse Gegensätze.
    Ich habe an entscheidender Stelle mehrfach auf bestimmte Terrorgefahren bei AKWs hingewiesen - natürlich ohne Erfolg und stehe entsprechend der KE mehr als skeptisch gegenüber. Aber für die AKWs in Deutschland gibt es in der letzten Woche keine neuen Risiken, warum dann Abschalten und Moratorium? Was ist von einer REpublik zu halten, die offenbar von medialer Hysterie und ad hoc Demonstrationen und lnl Wahlkampf getrieben solche Entscheidungen trifft?
    Wird Deutschland zunehmend zu einem dieser unberechenbaren Staaten, von denen es viel zu viele gibt? Die vielbeschworene Vorbildfunktion die Deutschland einnehmen soll, die ohnehin an Vermessenheit und Überheblichkeit gegenüber anderen Ländern kaum zu überbieten ist, wirkt dann geradezu lächerlich.
    Ach, wann wird eigentlich der Eisenbahnverkehr in Deutschland eingestellt. Der verursacht jedes Jahr viele Tote, jede Bahnfahrt hat ein Restrisiko, bei jedem Überqueren eines Bahnübergangs lebe ich mit dem Probem, von einem heranrasenden Zug getötet zu werden.
    Meine drei gut ausgebildeten Söhne sagen: Deutschland nein Danke. Zwei haben sich schon ins Ausland davongemacht.
    Rationalität in der Atomdiskussion in Deutschland werde ich wohl nicht mehr erleben.

  • Man muss aufpassen, dass der Tsunami der Angst, der über die Presse rollt, nicht noch mehr Schaden anrichtet. In der Scottish Sun (zugegebenermaßen nicht das, was man als denkender Mensch lesen sollte) war ein Reich illustrierter Artikel mit eindrucksvollen Bildern:

    Eine Aufnahme zeigt einen Geigerzähler in den Strassen von Tokio, um die Massenpanik zu rechtfertigen. Bei 0,6 Microsievert pro Stunde dauert es allerdings vier Millionen Stunden, bis das Krebsrisiko um 1% erhöht wird.

    Eine ander Aufnahme zeigt die Massenpanik am Flughafen Tokio. Sah aus wie ein Archivbild eines Sonntagnachmittags von vor zwei Jahren. London-Heathrow habe ich noch nie so leer gesehen.

    Es ziert aber auch nicht gerade das Handelsblatt, wenn die oberste Schlagzeile Überlebende von Hiroshima zitiert mit 'keiner sagt uns die Wahrheit'. Guckt halt auf den Geigerzähler und überlegt, was gerade anliegt im Leben. Gab's nicht irgendwo ein Beben mit unglaublichen Zerstörungen, um die man sich kümmern muss? Können wir mal die Kirche im Dorf lassen?

    Schon klar, dass sich keiner über Gesundheitsbelastung freut, aber der nicht evakuierten Bevölkerung wäre vielleicht schon geholfen damit, einmalig eine Schachtel weniger Zigaretten zu rauchen, und das gesamte zusätzliche Krebsrisiko ist schwuppdiwupp kompensiert. Sollte jemand vor Schreck gleich zwei Schachteln weggelassen haben, dann ist der Netto-Gesundheitseffekt der Ereignisse plötzlich sogar positiv...? Auweia. Räumen wir erst mal Japan wieder auf, dann können wir uns an den Kamin setzen mit einem Blatt Papier und einem Stift und mal den Atom-Kram ausrechnen.

  • Doch doch der Streßtest bringt uns was uns der TÜV immer bestätigt hat . Alle Sicher!
    25% der TÜV Süd AG gehören übrigens der 'gemein-nützigen" TÜV SÜD Stiftung zu deren Mitgliedern Vattenfall, E-ON und EnBW zählen... Der TÜV Süd AG wiederum gehören ein britisches und ein Koreanisches Kerntechnologieunternehmen...
    (Quelle: wikipedia.de)
    Ihr Auto ist wahrscheinlich unabhängiger geprüft... nein,nein
    Ein Schelm der Böses dabei denkt.

  • "Um Gottes Willen" - Röttgen ist kein Sozialdemokrat . Soll es auch nicht werden ! Wendehals seit dem Wochenende. Hätter er sich letztes Jahr bei dem Mauschel-Verlängerungsvertrag mit seiner wirklichen Meinung dagegen gestemmt - wäre er jetzt der Held . So ist er leider nur " Muttis Bübchen " Ja Mama !

  • Fernsehdiskussionen bleiben an der Oberfläche, man muss weiter nachbohren. Die Deutschen reagieren anders als Japaner und Franzosen, aber nicht nur aus Gefühlsgründen, sondern auch weil sie vor 25 Jahren durch die Tschernobyl-Wolke konkret betroffen waren. (In Frankreich oder GB kam nicht so viel Radioaktivität runter, in Japan erst recht nicht.)
    Damals nannte Ministerpräsident Lothar Späth (CDU) die Kernenergie eine Übergangsenergie. Was hat sich in 25 Jahren geändert? Die CDU hat das Wort "Übergangsenergie" in "Brückentechnologie" umgeändert, aber was sonst? Im April stehen Rückblicke aus Anlass 25 Jahre Tschernobyl-Unglück an. Die CDU muss nicht nur Angst haben wegen Landtagswahlen oder der aktuellen Gefühlslage, sondern auch vor dem Archivmaterial zum Tschernobyl-Unglück. Beim 25-Jahre-Vergleich geht es dann nicht um irgendein Bauchgefühl, sondern um Glaubwürdigkeit.

  • Neulich hörte ich einen Politiker sagen (ich weiss leider nicht mehr, wer es war, wahrscheinlich ein Sozialdemokrat wie Röttgen oder Gabriel), dass jetzt sachliche Argumente nicht mehr ausreichen, man müsse auch die Emotionen im Volk ansprechen.

    Da sind wir genau auf dem richtigen (Precht-)Weg.

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