Manager und Politiker
Kulturelles Schisma

Der Graben zwischen deutschen Managern und Politikern wird trotz guter Konjunktur stetig größer. Statt die jeweils andere Seite zu verstehen, drehen die Kontrahenten im eigenen Kreis ihre Runden. Dabei könnten beide Seiten profitieren, wenn sie sich gegenseitig Brücken bauten.
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Spät abends in einer der Komfortzonen des globalisierten Geschäftsalltags, an der Bar des Luxus-Hotels Emirates Palace in den Arabischen Emiraten, weit weg vom Berliner Koalitionsgezänk, flog Angela Merkel eine Erkenntnis an. Vieles habe sie während ihrer Auslandsreisen lernen können, sagte die Bundeskanzlerin, aber was sie am meisten beeindrucke, das sei die Art und Weise, wie in vielen Ländern des arabischen Raumes und in Asien Politik und Wirtschaft sich die Bälle zuspielen - in Deutschland hingegen "sind wir ja schon froh, wenn wir uns nicht gegenseitig an die Gurgel gehen".

Tatsächlich steht es nicht gut um das Verhältnis von Politik und Wirtschaft. Vielleicht schlechter denn je, denn während man früher miteinander sprach, später übereinander, hat man sich heute fast nichts mehr zu sagen. Die Welt der Politik mit ihren Wahlzyklen und Koalitionszwängen, ihrer Volksnähe und nationalen Erdverbundenheit hat sich von der Welt der Wirtschaft mit ihren Quartalsberichten und Gewinnzielen, ihrer kapitalen Weltflüchtigkeit und globalen Aktionärsstruktur klassisch auseinandergelebt - die Ehe aus Volks- und Betriebswirtschaft existiert nur noch auf dem Papier, die Scheidung ist, in wechselseitigem Einverständnis, längst eingereicht.

Nach Ansicht von Thomas Straubhaar, dem Chef des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Instituts (HWWI), ist die "Entfremdung von Politik und Wirtschaft" bereits so weit fortgeschritten, "dass sich die Wirtschaft nicht einmal mehr gegen die Politik wehrt, sondern einfach durch ihre mikroökonomischen Entscheidungen reagiert": Bei schlechten wirtschaftspolitischen Vorgaben werde "halt weiter automatisiert, rationalisiert, outgesourct, ins Ausland verlagert", sagt Straubhaar - weshalb die Frage, wer sich "noch um die langfristigen sozio-ökonomischen Veränderungen" kümmere, zwangsläufig offen bleibe.

So paradox es klingt: Der Aufschwung hat uns nicht nur 820 000 Arbeitslose weniger im Jahresvergleich beschert, ein Rückgang so stark wie nie in der Geschichte der Bundesrepublik, nicht nur Wachstumsraten von deutlich mehr als zwei Prozent, ein Anziehen der Binnenkonjunktur, sprudelnde Steuereinnahmen und sinkende Haushaltsdefizite, sondern vor allem - ein Schisma zwischen Wirtschaft und Politik. Nicht einmal in diesen herrlichen Wirtschaftswunderwochen können beide Seiten sich selbst und ihrer Arbeit gratulieren; während das Ausland den Deutschen verbale Lorbeerkränze flicht und eine nationale Gesamtanstrengung preist, streiten sich die Beteiligten hierzulande kleinkrämerisch um die Urheberschaft für den ökonomischen Super-Frühling.

Die SPD-Spitze rühmt Gerhard Schröders Agenda 2010 und die Hartz-IV-Gesetze, die Union den Wiedereinzug von Verlässlichkeit und Vertrauen in der Politik nach Schröders Abgang. Die Wissenschaft gibt zu Protokoll, vor allem die Weltwirtschaft habe Deutschland geholfen, die Unternehmer sind der Ansicht, das konjunkturelle Plus ginge auf das Konto von harten Sanierungen und Produktivitätssteigerungen in exportgestählten Betrieben; den Gewerkschaften schließlich, denen nach langjähriger Lohnzurückhaltung vielleicht die größte Anerkennung gebührte, ist der ganze Aufschwung eben deshalb eher peinlich - so peinlich, dass sie ihn mit übertriebenen Lohnforderungen sogleich wieder gefährden.

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