Mandat und Verbandsposten
Im Sommerloch purzelt alles durcheinander

Jetzt ist ja Sommer, und keiner daheim im Berliner Reichstag. Aber wenn Norbert Röttgen von seinem virtuellen Ausflug zum Bundesverband der deutschen Industrie zurückkehrt, ist ihm das erfürchtige Staunen seiner Kollegen Bundestagsabgeordneten sicher.

Das hat es noch nie gegeben, dass einer einen mit so vielen hunderttausend Euro gepolsterten Luxussessel zu Gunsten eines Abgeordneten-Mandats aufgibt, hört man quer durch alle Fraktionen per Ferngespräch aus den preiswerteren Urlaubsgebieten. Da erhält die immer wieder geforderte Durchlässigkeit von Wirtschaft und Politik gleich eine ganz andere Bedeutung:

Beispielshafter Abstieg von der Beletage der Wirtschaft in die Holzklasse der Politik. Nur Hermann Gröhe gilt als Störenfried: Er war der designierte Röttgen-Nachfolger im Amt des parlamentarischen Geschäftsführeres. Jetzt wird ihm vorgeworfen, gegen den reuevoll heimkehrenden Sohn eine kleine Ablehnungskampagne zu inszenieren – nur weil ihm jetzt die paar Lappen Geschäftsführerzuschlag auf die Grunddiäten durch die Lappen gehen.

Röttgen, vom Absahner zum Opferlamm gewendet, genießt das Vertrauen seiner Fraktionskollegen. Nicht er sei beschädigt, sondern der BDI, sagt sein CSU-Geschäftsführerkollege Hartmut Koschyk. Schließlich hätten die geistigen Urheber des diesjährigen Sommertheaters, die Ex-Präsidenten Olaf Henkel und Michael Rogowski die Debatte vom Zaun gebrochen, ob Repräsentanten der Wirtschaftsverbände auch im Bundestag sitzen dürfen – „während die Gewerkschaftsseite ungeniert daran festhält“.

Das sieht nur der Links-Parteiabgeordnete Klaus Ernst, im Hauptberuf IG-Metall-Funktionär, ganz anders: Er sei schließlich kein Lobbyist, sondern vertrete „die Mehrheit der Arbeitnehmer“. Mehrheit ist Mehrheit, auch wenn er gerade 6,4 Prozent der Erststimmen erhalten hat – früher war das die Diktatur des Proletariats. Jedenfalls haben Rogowski und Henkel, die allerstolzesten Pfaun Unter den Linden, dem eigenen Verband am meisten geschadet. Wirft BDI-Präsident Jürgen Thumann hin, nachdem ihn seine Stellvertreter VDMA-Chef Diether Klingelnberg und Auto-Lobbyist Bernd Gottschalk illoyal von hinten angefahren haben? VDMA-Geschäftsführer Hannes Hesse lässt über dpa verbreiten: „Thumann ist ein Ehrenmann.“ Das mußte auch einmal gesagt werden.

Weil so schnell kein Ersatz für Röttgen zu finden ist, soll Alt-Geschäftsfüher Ludolf von Wartenberg länger ran. Dann wäre der oberste BDI-Angestellte der erste, für den gilt: Rente erst ab 67.

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