Mangel an Beweisen
Aktenzeichen RAF ungelöst

Viele Morde der Roten Armee Fraktion (RAF) sind bislang unaufgeklärt – und werden es wohl für immer bleiben. Warum dies so ist, belegt exemplarisch das Herrnhausen-Attentat von 1989. Ein Handelsblatt-Report über Aufklärungsversuche in der Asservatenkammer des Bundeskriminalamts.

WIESBADEN. Die Wahrheit hat zwei Seiten. Auch in der Wiesbadener Thaerstraße, zwei Stockwerke unter der Erdoberfläche, versteckt hinter einer riesigen Tiefgarage: Die Kammer des Schreckens, sie wirkt eigentlich wie ein Keller voller Gerümpel. Bewacht von zwei grünen Stahltüren, reihen sich deckenhohe Regale aneinander, vollgestopft mit blauen Plastikkisten verschiedenster Größen. Dazwischen alte Koffer, Fässer, Autoteile, Küchengeräte.

Doch die Dinge, die hier so sorgsam gehütet werden, sind alles andere als harmlos. Herr Schmidt zeigt auf zwei angeschmuddelte brusthohe Gefrierschränke. „In denen bewahren wir die Leichenteile auf“, sagt er nüchtern. Auch momentan? „Ja“, ein kurzes Nicken. „Aber wir machen die besser nicht auf. Das riecht ziemlich unangenehm.“

Herr Schmidt hat auch einen Vornamen, aber den gibt er nicht preis. Vielleicht heißt er noch nicht einmal Schmidt. Der gemütliche Endvierziger mit dem freundlichen, aber undurchsichtigen Lächeln ist Leiter der Zentralen Asservatenstelle beim Bundeskriminalamt. Da hat man es nicht so mit Offenheit, die Sicherheit verlangt nach Geheimnissen.

Und dann gewährt er doch noch einen Blick auf einige Gegenstände, deren Benutzer derzeit die Republik beschäftigen und die ebenfalls so harmlos aussehen, wie sie zugleich Zeugen einer grausamen Geschichte sind. Zehn Damenfahrräder, Dreigang-Torpedo-Handschaltung, aber in den Reifen ist schon lange keine Luft mehr: „Die hier“, sagt Herr Schmidt, „sind von der RAF benutzt worden.“

Die RAF, die Rote Armee Fraktion, seit Monaten schon erinnern die Deutschen an die Opfer ihres Terrors, der „Deutsche Herbst“ jährt sich zum dreißigsten Mal. Am 24. Oktober will die Bundesregierung in Berlin eine offizielle Gedenkfeier veranstalten.

Die ganze Wahrheit aber über dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte mutet den Menschen niemand zu. Viele Fälle sind noch immer unaufgeklärt. Auch hier ist die Wahrheit zweigeteilt: Die, die aufklären könnten, die Terroristen, wollen nicht. Und die, die es wollen, die Ermittler? Angeblich arbeiten sie noch immer daran, bis heute.

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