Mangel an Stolz auf das Erreichte und politischer Konfliktbereitschaft.
Die Schonzeit muss enden

Fünfzehn Jahre nach dem Mauerfall stehen wir vor dem völligen Desaster, was die innere Einheit Deutschlands angeht. Zu dem Schluss muss kommen, wer sich nach den Wertungen des Allensbach-Instituts richtet: Die ostdeutsche Bevölkerung fühle sich „in diesem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem nach wie vor nicht zu Hause“, schreibt Renate Köcher. Und Elisabeth Noelle-Neumann meint gar, die Ostdeutschen hätten „nicht wirklich verstanden, was Demokratie ist“.

HB BERLIN. Wie zur Bestätigung haben die Sachsen die NPD in ihrem Landtag fast so stark gemacht wie die SPD und die Brandenburger hätten beinahe ein PDS-Mitglied zum Ministerpräsidenten gewählt. Was in so mancher westdeutschen Staatskanzlei – „Das ist jetzt natürlich nicht zum Schreiben!“ – die Reaktion auslöst: Wenn die Ossis so wählen, sollte man ihnen die Transfers streichen. Häufiger als früher und nicht nur an Biertischen hört man Sprüche wie: Die in Dunkeldeutschland sollten wenigstens Dankbarkeit zeigen, wenn sie weiter am Tropf hängen.

Interpretationen wie die von Allensbach sind äußerst eingängig und populär. Sie entsprechen dem Bauchgefühl vieler Westdeutscher. Das macht sie aber nicht unbedingt richtiger, wie Hans-Joachim Veen, Vorsitzender der „Stiftung Ettersberg zur Erforschung europäischer Diktaturen“ in Weimar, unterstreicht: Mit Fragen nach der Beurteilung der Demokratie werde keine grundsätzliche Wertschätzung gemessen, sondern die aktuelle Beurteilung der Systemleistung: Wie bin ich mit dem zufrieden, was der Staat mir an Wohlstand bietet? Veens Schlussfolgerung: Die These, ungefähr die Hälfte der Ostdeutschen lehne auf Grund ihrer DDR-Prägung die Demokratie grundsätzlich ab, sei „wissenschaftlich falsch und politisch verheerend“. Der Ansatz von Allensbach, Ostdeutsche als dauerhaft ideologisch deformierte Subjekte zu betrachten, ist für Veen, der lange bei der Adenauer-Stiftung gearbeitet hat, sozialwissenschaftlich überholt und ideologisiert.

Tatsächlich ist die Befindlichkeit der Ostdeutschen viel differenzierter, als viele Westdeutsche es glauben. Bei den jüngeren und beruflich aktiven überwiegt die Zustimmung zu Demokratie und Marktwirtschaft. In der Einstellung zum Job, zum politischen System, zur Reformpolitik merkt man meist keinerlei Unterschiede zu Westdeutschen. Die über 60-jährigen Rentner wissen ihren Lebensstandard zu schätzen. Doch dazwischen gibt es eine verlorene Generation der Leute, die früh pensioniert wurden, die noch voll arbeitsfähig sind, aber keinerlei Perspektive mehr haben. Sie bewerten die Wende oft negativ.

Ähnliches erlebt man auch bei einem Teil der Berufstätigen. Ungefähr drei Viertel von ihnen haben einen oder mehrere Jobwechsel hinter sich. Diejenigen, die das als Statusverlust erfahren, sind verständlicherweise unzufrieden. Daneben gibt es eine räumliche Differenzierung: In ländlichen Regionen und in einigen Klein- und Mittelstädten schrumpft die Bevölkerung, die Aktivsten wandern ab. Wer zurückbleibt, fühlt sich als Verlierer. Gerade das ist aber kein Ost-West-Problem, sondern eines, das der Osten einfach früher erlebt als der Westen.

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