Margot Käßmann
"Es muss eine Ethik des Genug geben“

"Die Ökonomie darf nicht unser gesamtes Leben bestimmen", sagt Margot Käßmann. Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland spricht im Interview mit dem Handelsblatt über die Grenzen der Umverteilung, den Wert des Maßhaltens und die soziale Alternative zum Shareholder-Value.
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Handelsblatt: In einer Umfrage war kürzlich zu lesen, dass 70 Prozent der Deutschen die Verhältnisse im Land ungerecht finden. Dann müssten Sie in Ihren Kirchen ja bei den Kollekten volle Körbchen vorfinden, oder?

Margot Käßmann: Dass sich das im Klingelbeutel abzeichnet, sehe ich nicht direkt. Aber bei speziellen Initiativen erlebe ich eine engagierte Spendenbereitschaft. Wir haben im letzten Jahr zum Beispiel die Initiative "Zukunft(s)gestalten" gegründet, die Kinder aus ärmeren Familien fördert. Nun hat eine Jungunternehmerin hier aus Hannover zu ihrem vierzigsten Geburtstag Spenden gesammelt und mir einen Scheck über 8 000 Euro für diese Initiative überreicht.

HB: Eigentlich müsste die Kirche von der Krise dann doch profitieren. Sie bietet Gemeinschaft und soziales Engagement. Trotzdem ist die Zahl der Kirchenaustritte weiter hoch.

Käßmann: Die Kirchenaustritte sind für mich besorgniserregend, und deshalb werbe ich um jedes Mitglied. Wer Mitglied in unserer Kirche ist, zeigt eine Grundüberzeugung, eine Lebenshaltung, einen Glauben. Da geht es für mich um Glauben, aber auch um eine soziale, eine kulturelle Kompetenz. Das sollte man auch als eigene Visitenkarte sehen.

HB: Vielen fällt das schwer, sie sehen nur die zusätzliche Steuerbelastung.

Käßmann: Mir sagte kürzlich ein Vorstandschef eines Dax-Konzerns, er zahle so viel Kirchensteuer, dass man davon zwei Pfarrer bezahlen könne. Da habe ich gesagt: Das ist doch wunderbar! Was für ein großes Einkommen, mit dem Sie mit gutem Gefühl geben können.

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  • Als Christ huldigt Frau Dr.Käßmann nicht dem Zeitgeist,welcher Geld allein als Mittel zum Zweck sieht-sondern streckt sich nach dem Heiligen Geist aus.Und der ist das Gegenteil zum Zeitgeist!Und Das sollten wir auch einmal tun!Zeitgeist ist irdisch und zeitlich begrenzt-Heiliger Geist hat Ewigkeits-Perspektive.
    Dass diese (letztere)Grundhaltung die "Zeitgeister" stört,ist folgerichtig.Jesus Christus ist das beste beispiel.Aber: Er ist aber Sieger über das Zeitliche!Dasselbe hat unser Schöpfer auch für uns vorgesehen-zeitliches Denken greift daher zu kurz!
    Strecken wir uns also nach dem Heiligen Geist aus!!!

  • Sicherlichlich wird jeder Frau Käßmann zustimmen. Sichelich können wir uns freuen, wenn die soziale balance in unserem Land noch gegeben ist. Aber wie Frau Käßmann feststellt, ist dieses Gleichgewicht nicht mehr überall in der Gesellschaft vorhanden und sicherlich besteht auch Handlungsbedarf.
    ich stelle aber auch fest,dass sehr viele Menschen Fehlentwicklungen (aus jedermanns persönlichem blickwinckel betrachtet)in der Gesellschaft anprangern, ohne eine Wirkung zu erzielen. Dann ist es sinnvoll sich zu fragen, warum sich diese Fehlentwicklungen entwickeln. Um dies zu verstehen meine ich, ist es sinnvoll einige Schritte zurück zu gehen um diese Entwicklungen nachvollziehen zu können. Aus der Vergangenheit können wir also die Gegenwart besser verstehen und evtl. sogar die Entwicklungen in die Zukunft projezieren. Vor etwa 10-15 Jahren haben wir uns für die sog. Globalisierung entschieden. Was bedeutet also Globalisierung und welche Auswirkungen hat dieses Phänomen auf die Menschen, auf die Ökonomie, auf die Politik und ihre Entscheidungsträger hier und überall auf der Welt. Können wir unser solidarisches System innerhalb des System der Globalisierung dauerhalft aufrecht erhalten oder wird unser solidarisches System in Zukunft durch die Globalisierung zerstört werden?
    ich meine, wollen wir verstehen, warum Unternehmen hier auf das Shareholder Value setzen, dann sollten wir wissen, daß das Kapital heute an den börsen per Mausklick innerhalb einer Sekunde von hier in einem anderen Teil der Welt transferiert wird. Das bedeutet, durch die Globalisierung nehmen ökonomische und soziale Systeme anderer Länder Einfluß auf unser System. ich behaupte es findet langfristig eine Art Darwinscher Evolution der Gesellschaften weltweit statt in der Art, dass jenes gesellschaftliche System überleben wird, wonach sich die Menschen in diesem System am meisten sehnen werden. Dies muß nicht unbedingt das reine Streben nach materiellem Reichtum sein. Wir werden also sehen, wofür sich die Menschheit entscheidet auf der basis seines beschränkten Wissens. Und die Auswirkungen werden wir alle sehen und spüren. Vor diesem Hintergrund möge uns der große Geist des Ganzen führen.

  • ich kann mich ebenfalls identifizieren mit dem, was Käßmann sagt. Wir müssen diesn Shareholder-Value-Müll mit dem eisernen besen ausfegen, wir müssen die totale Verökonomisierung des Menschen stoppen. Wir müssen Leute stoppen, die das Geld des Staates mit vollen händen herauswerfen und verschwenden, wie frau Dr. Merkel das tut. im gegensatz zur Karrieristin Merkel sieht Käßmann die Lage realistisch. Da kann man sich nur anschließen. Das sind die richtigen vorstellungen- und nicht den Export-Dollars hinterherrennen wie der teufel hinter der armen Seele.

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