Margot Käßmann
Pragmatisch, modern, protestantisch

Große Hoffnungen ruhen auf ihren Schultern. Als erste Frau wird Margot Käßmann die evangelische Kirche in Deutschland führen. Die Wahl bereitet dem innerkirchlichen Rumoren um ihre Person ein Ende – allerdings nicht den drängenden Problemen der evangelischen Gemeinschaft.
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Erstmals ist das wichtigste Amt der evangelischen Kirche Deutschlands mit einer Frau besetzt. Margot Käßmann, 51, ist Nachfolgerin des Ratsvorsitzenden der EKD, Bischof Wolfgang Huber. Stärker noch als dieser ist die hannoverische Landesbischöfin eine zeittypische Erscheinung. Sie ist eine aufgeklärte Moderne mit pragmatischem Sinn für die Mediengesellschaft, gleichzeitig aber eine Christin, die die Rückbesinnung auf den Glauben zum Thema erheben will.

Ihr routiniert-selbstbewusstes Agieren in der Medienwelt kommt nicht von ungefähr. Viele der Themen, die sie – insbesondere in den zehn Jahren als Landesbischöfin – zur öffentlichen Einmischung animierten, sind ohne das ganz große öffentliche Forum, also ohne Politik, kaum zu debattieren. Für die Abschaffung der Wehrpflicht wirbt sie ebenso wie sie gegen das Tragen des Kopftuchs in Schulen eintritt. Den Mindestlohn fordert sie so vehement wie sie die Tumbheit von Unternehmern angreift.

Die gestrige Wahl bereitete auch einem innerkirchlichen Rumoren ein Ende, das die Deutsche Presseagentur in ihrem Wahlbericht in routinierter Unüberlegtheit noch einmal zum Thema erhob: „Geschiedene Bischöfin leitet evangelische Kirche.“ Tatsächlich war die vor zwei Jahren publizierte Trennung der vierfachen Mutter von ihrem Mann nach 26 Ehejahren ein öffentliches Ereignis. Doch das überwältigende Wahlergebnis von 132 zu 142 Stimmen ist eine eindrucksvolle Demonstration nicht nur zugunsten von Käßmann, sondern auch eines Realismus im Rat.

Nicht zu Ende sind damit indes die Probleme der evangelischen Kirche: Die finanzielle Austrocknung, der Mitgliederschwund und somit das drohende Ende als Volkskirche. Die Aufräumarbeiten der Ratsvorsitzenden werden also vorerst weniger spektakulär abseits der großen TV-Leuchten, eher in der Gemeinschaft, denn in der Gesellschaft erfolgen: Die große Kirchenreform, von ihrem Vorgänger initiiert, ist längst nicht abgeschlossen. Dafür aber weiterhin stark umstritten.

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