Marina Weisband: „Beschimpfungen lassen sich gesetzlich nicht verhindern“

Marina Weisband
„Beschimpfungen lassen sich gesetzlich nicht verhindern“

Im Interview mit Handelsblatt Online erklärt die politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, warum die Anonymität im Netz auch Vorteile bietet und wie sich der Umgangston dort verbessern lässt.
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Handelsblatt: Frau Weisband, Sie haben sich mehrfach kritisch über den Umgangston in Internet-Foren geäußert. Lassen sich dort überhaupt ernsthafte Debatten führen?

Marina Weisband: Sie lassen sich dort genauso führen wie am Stammtisch oder im Bundestag. Es gibt im Internet Orte wo Debatten gut funktionieren, zum Beispiel auf Abgeordnetenwatch. Und es gibt welche, wo sie nicht gut funktionieren, zum Beispiel auf Mailinglisten oder bei Twitter. 

Aber führt die Anonymität im Internet nicht zu einer Enthemmung der Nutzer. Unter dem  Deckmantel der Anonymität erlauben sie sich zum Teil Äußerungen, die sie unter echtem Namen niemals treffen würden…

Weisband: Die Anonymität im Internet kann auch ein Vorteil sein, weil sie Minderheitsmeinungen schützt. Ich studiere Psychologie und habe mal bei einem Forum für Suizidgefährdete gearbeitet. Dort war die Anonymität sehr wichtig. So können Dinge thematisiert werden, die sonst nicht auf den Tisch kämen. Außerdem liegt der teilweise wüste Umgangston im Netz aus meiner Sicht nicht an der Anonymität. Auch Herr Sarrazin hat einen wüsten Umgangston - und der äußert sich nicht anonym.

Aber woran liegt der wüste Umgangston dann?

Weisband: Das größte Problem im Internet ist, dass man das Gesicht seines Gegenübers nicht sieht. Wenn ich draußen auf jemand einschlage, sehe ich, wenn er sich verletzt. Im Internet sehe ich das nicht.

…was dazu führt, dass die Grenzen im gegenseitigen Umgang verschwimmen. Brauchen wir solche Grenzen nicht?

Weisband: Wenn Grenzen überschritten werden, liegt das an menschlichem Fehlverhalten. Das menschliche Fehlverhalten lässt sich aber nicht durch Gesetze oder technische Neuerungen korrigieren. Es ist ein Lernprozess: Wir müssen lernen, dass gegenüber ein Mensch sitzt. Das muss schon in den Schulen vermittelt werden. Ich glaube, dass die nächste Generation viel besser damit klar kommen wird.

Das ist ein bisschen lange. Was kann man auf kurze Sicht machen?

Weisband: Ich glaube das Umdenken geht schneller. Teilweise können auch Filter helfen. In meinem Blog mache ich es zum Beispiel so, dass die Leser Kommentare bewerten können. Dadurch habe ich eine Vorauswahl. Ich schaue mir dann nur die Kommentare mit guter Bewertung an - und die sind sehr konstruktiv. 

Das Handelsblatt hat auch grade Erfahrungen mit einer Empörungswelle im Internet -einem Shitstorm - gemacht. Der Aufruf von 100 Künstlern und Unternehmern gegen die Position der Piratenpartei zum Urheberrecht hat für viele wütende Kommentare im Netz gesorgt. Fanden Sie die Reaktionen gerechtfertigt?

Weisband: Ein Shitstorm kann zwei Ursachen haben: Entweder man macht etwas falsch oder man hat es falsch kommuniziert. Viele Piraten haben sich darüber geärgert, dass in dem Aufruf sehr viele Unternehmer zu Wort kamen und nur wenige „echte“ Urheber. Wir müssen aber konstruktiv gegenüber Kritik sein. 

Mallien Jan
Jan Mallien
Handelsblatt / Geldpolitischer Korrespondent

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  • Eines steht wohl zweifelsfrei fest, die Partei der Piraten und alle Vorgänge um sie, hat nichts, aber auch garnichts mit Politik zu tun! Das ganze ist eine Art gigantischer Flashmob. Und alle die da mittun, können sich des wohligen Gefühles hingeben, irgendwie politisch wichtig zu sein. Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, daß man von Politik keine Ahnung hat.

  • Dieser kleine Artikel stösst wichtige Punkte an.
    Zuerst möchte ich einen eher unwichtigen aus den Weg räumen: 'Empörungswelle'ist eine gute Übersetzung. Als sprachsensibler Mensch und halb-Engländer nervt mich der Begriff 'shitstorm' - ein grober, prolliger Szenebegriff. Oft verstecken sich hinter scheinbar coolen Begriffen alte Banalitäten und hinter Piraten Spießer(damit meine ich nicht Ms. Weisband).
    Zum Vergleich der Kommunikationsformen, also der bloß schriftlich-anonymen wie hier und der Begegnung zwischen realen Menschen mit Gesichtern/Körpern, die sich mit allen Sinnen wahrnehmen - ob sie sich riechen können oder nicht:
    Für einen guten Blog nimmt man sich Zeit, versucht, die wesentlichen Punkte zu formulieren. Bei richtig harten Tabuthemen empfand ich Anonymität als nützlich, weil wunde Punkte so eher geäußert werden. Mitten in der Finanzkrise schrieb ich mal - Gut, dass dieses Scheissystem den Bach heruntergeht... Meine wahre Meinung dazu ist natürlich viel komplizierter (ich halte Geld als Tauschwert noch für unentbehrlich), aber es war befreiend, das mal so zu sagen.
    'Vornehme' Mainstream-Talkshows reden gerne um den heißen Brei herum. Viele Teilnehmer wollen Massenmeinungen mobilisieren, nicht sich selbst. Übertreibungen sind manchmal gut, weil sie unbewusste Inhalte ans Licht bringen - und noch besser, wenn der Blogger ohne krasse Beleidigungen auskommt. Aus frei geäußerten 'Vor'urteilen können neue Verbindungen, gar Freundschaften entstehen. Im Streit erhitzen sich die Gemüter und verbrennen den Müll, der aus Nichtkommunikation und Ignoranz entsteht. Und das macht Spaß. Wir sollten weniger Angst vor Emotionen haben, ohne andere persönlich zu beleidigen.

  • +++ Beitrag von der Redaktion gelöscht +++

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