16.12.2009

Marktöffnung: Ramsauer stellt die Weichen im Nahverkehr

Wenn öffentliche Transportaufträge künftig bevorzugt an private Unternehmen vergeben werden, fürchten die Verkehrsbetriebe um eine flächendeckende Versorgung. Die Privaten werfen den öffentlichen Anbietern dagegen vor, den Markt gegen die Konkurrenz abzuschotten. Verkehrsminister Ramsauer muss dringend handeln.

Anzeige
Der öffentliche Nahverkehr könnte künftig durch Privatunternehmen bereitgestellt werden. Quelle: apLupe

Der öffentliche Nahverkehr könnte künftig durch Privatunternehmen bereitgestellt werden. Quelle: ap

BERLIN. Wenn Peter Ramsauer (CSU) im kommenden Jahr erste Reformen auf den Weg bringt, wird es gleich zu Beginn um fast sieben Mrd. Euro gehen. So viel Geld überweist der Bund jedes Jahr an die Länder, die damit ihre eigenen oder privaten Verkehrsunternehmen beauftragen, Menschen von einem Ort zum anderen zu transportieren. Wie die Länder die Aufträge vergeben dürfen, regelt eine EU-Richtlinie, die Ramsauer allerdings noch in nationales Recht umsetzen muss.

Gestern hat der Deutsche Industrie- und Handelskammertag mit Ramsauer die neue Verkehrspolitik der Bundesregierung diskutiert und sich klar positioniert: „Die öffentlichen Mittel müssen wirtschaftlich eingesetzt werden“, heißt es im Positionspapier von DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann.

Darin findet sich auch der Satz, auf den sich Union und FDP auch im Koalitionsvertrag verständigt haben: „Verkehren ohne öffentliche Zuschüsse ist der Vorrang zu geben.“ Sind öffentlicher Mittel nötig, müssten Leistungen im Wettbewerb vergeben werden, fordert DIHK-Präsident Driftmann.

Die Bundesländer vergeben inzwischen immer mehr Strecken im Wettbewerb. Die öffentlichen Verkehrsbetriebe und die Busunternehmen fordern nun über deren Verbände VDV und BDO gemeinsam einen „fairen Ausgleich“ von Ramsauer. Im Gesetz müsse festgelegt werden, dass „’Rosinenpicken’ aus kommunalen Liniennetzen durch Dritte ebenso verhindert wird wie ’Enteignungen’ von Linien, die private Unternehmen erfolgreich erbringen“.

Während die Verbände diese Klarstellung fordern und auf diese Weise ihre Märkte sichern wollen, protestieren inzwischen die privaten Unternehmen im Personenverkehr, organisiert im Verband Mofair. „Beide Verbände wollen sich keinen Wettbewerb machen“, schimpft Mofair-Geschäftsführer Engelbert Recker. „Der Gesetzgeber wird erkennen, dass es nicht nach der Methode gehen kann: Der Staat organisiert den Verkehrsunternehmen den Markt, schützt vor Konkurrenz, finanziert sogar die Defizite, aber darf keinerlei Forderungen an die Unternehmen stellen.“

Vor allem kritisieren die privaten Unternehmen, dass VDV und BDO an der Linienverkehrsgenehmigung festhalten. Diese vergeben die Aufgabenträger der Länder. Wer eine Genehmigung erhält, darf alleine eine Strecke befahren. Diese Art von Gebietsschutz gilt besonders im Fernbusverkehr. Hier darf die Bahn fast ausschließlich fahren, während private Anbieter in der Regel nur bei internationalen Routen zum Zug kommen. Union und FDP wollen die Regeln ändern – was allerdings auf den Widerstand von VDV und BDO stößt. Die derzeitig geltenden Vorschriften „sind hinreichend und bedürfen keiner Erweiterung“, heißt es in dem Papier.

Verkehrsminister Ramsauer stehen schwierige Monate bevor, will er einen Ausgleich zwischen den Lagern finden. Sein Vorgänger, Wolfgang Tiefensee (SPD) hatte auf die Umsetzung der Richtlinie verzichtet, weil sich Verbände und Bundesländer uneins waren. Anstatt zu entscheiden, vertagte er das Problem.

Tiefensee hatte die neuen EU-Regeln maßgeblich in Brüssel verhandelt, mit denen nun die mittelständisch geprägte Branche geschützt worden sei. „Die deutsche Art der Busverkehre drohte den Bach runterzugehen“, sagt Tiefensee heute. Die Richtlinie sei eine „Erfolgsstory“.

4 Bewertungen: *****
Jetzt bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
  • Webnews
  • Del.Icio.Us
  • Mr. Wong
  • Digg
  • Y!GG
  • Linkarena
  • Google
  • Mein Yahoo!
  • Wikio
Anzeige

Es liegen noch keine Lesermeinungen vor

Kommentar abgeben

Bitte geben Sie den Code aus dem Bild in das nebenstehende Feld ein:

*  diese Felder müssen ausgefüllt werden.
** E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht, ist aber notwendig zur     Authentifizierung.

Kommentare werden erst veröffentlicht, wenn Sie Ihre E-Mail-Adresse erfolgreich bestätigt haben. Bitte melden Sie sich daher bei Handelsblatt.com an, oder klicken Sie auf den an Ihre Mail-Adresse gesendeten Bestätigungs-Link, wenn Sie als nicht angemeldeter Nutzer einen Kommentar schreiben.

Weitere Artikel der Rubrik Politik

Schützenhilfe in schwierigen Zeiten: Kanzlerin Angela Merkel unterstützt NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers. Quelle: dpa

NRW-CDU-Parteitag:  Viele Gegner, eine Farbe: R...

50 Tage vor der NRW-Wahl versucht Regierungschef Jürgen Rüttgers seiner Partei neuen Mut e...

Bundespräsident:  Köhler nennt Regierungspoli...

Bundespräsident Horst Köhler hat die in letzter Zeit nicht selten beklagte Zurückhaltung a...

Blogkommentare zu diesem Artikel

Anzeige
 

Wahlkampf:  Rohrkrepierer Steuersenkung... 

Die schwarz-gelbe Koalition kann mit ihrer Finanzpolitik nicht punkten - da helfen auch im...

Europa:  Ratschläge und Schläge zwis... 

Deutschland und Frankreich müssen in der Debatte über die Euro-Zone einen Gang heruntersch...

Koalition:  Eine Regierung, die nicht r... 

Ein knappes halbes Jahr nach dem schwarz-gelben Wahlsieg steht die Bundeskanzlerin mit zie...

Berlin intern

Auch Wolfgang Thierse war mal jung: Der heutige Bundestagsvize 1990 mit SPD-Veteran Willy Brandt.  Quelle: ap

Politik-Archiv:  Mit wilden Haaren und langem...

Mit alten Filmaufnahmen ist das so eine Sache. Einerseits wecken sie viele Erinnerunge...

Regierungsflieger:  Nur mit Tankstopp nach Japan...

Aushängeschilder für den Technologiestandort Deutschland sind die Regierungsflieger de...

Gut möglich, dass SPD-Chef Sigmar Gabriel die Wirkungsgeschichte Ludwig Erhards vor allem aus parteipolitischer Sicht betrachtet. Quelle: dpa

Polit-Talk:  Wie Ludwig Erhard zum SPD-Vo...

Spätestens seit der Finanz- und Wirtschaftskrise gehört es in Berlin zum guten Ton, au...

Anzeige

Handelsblatt Marktplatz

Finden auch Sie den Partner, der Sie so liebt wie sie sind. Neugierig, wer zu Ihnen passt? Weiter

Konz Steuersoftware

Erledigen Sie Ihre Steuererklärung einfach, sicher und schnell

Experteer.de – Executive Karriere

Diskreter Zugang zu 5.000 Headhuntern

HRS - Das Hotelportal

Hotels zu tagesaktuellen Top-Preisen!

Jobsuchmaschine

Finden Sie hier Ihren Traumjob!

Semigator

Seminare & Trainer in Ihrer Region schnell finden und buchen

Anzeige