Martin Wansleben
„Jugendliche müssen flexibler werden“

Martin Wansleben ist Hauptgeschäftsführer vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag. Im Interview spricht er über unreife Jugendliche, die Vielzahl an möglichen Berufen und Praktika – auch für die Berufsschullehrer.
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Die Wirtschaft klagt über Fachkräftemangel – bildet aber zugleich weniger aus. Was läuft schief?

Das Angebot der Unternehmen an Ausbildungsplätzen ist weitgehend stabil – aber es gibt immer weniger ausbildungsreife Jugendliche, nicht zuletzt wegen der demografischen Entwicklung.

Der Anteil der Betriebe, die überhaupt noch ausbilden, ist seit 2008 von 24 auf noch knapp 22 Prozent gefallen.

Viele kleine und zunehmend auch mittelständische machen zunehmend die Erfahrung, dass sie entweder gar keine geeigneten Bewerber haben, Jugendliche ihre Stelle nicht antreten, sich als ungeeignet erweisen oder aber die Ausbildung abbrechen. Wer das mehrfach erlebt hat, verliert die Motivation zum Ausbilden, denn die Suche ist vor allem für kleine Betriebe sehr aufwendig. Unterm Strich wird aber die gesamte Wirtschaft leiden, denn die Großbetriebe alleine können die Ausbildungslücke durch eigene Aktivitäten nicht füllen.

Warum sind zeitgleich Zehntausende Lehrstellen unbesetzt und Zehntausende, wenn nicht hunderttausend geeignete Bewerber unversorgt?

Weil wir zunehmend das Problem haben, dass die Jugendlichen nicht dort sind, wo freie Ausbildungsplätze auf sie warten. Es gibt zum Beispiel nur in den Ballungszentren Lehrlingswohnheime, aber kaum auf dem flachen Land. Zudem interessieren sich die Jugendlichen oft nur für eine Handvoll Berufe – es gibt aber insgesamt 345 Ausbildungsberufe. So wollen viele Bankkaufmann werden, der Beruf des Investmentfonds- oder Immobilienkaufmann ist dagegen viel weniger bekannt.

Was muss geschehen?
Die Jugendlichen selbst müssen flexibler und mobiler werden. Das geht aber nur, wenn die Schulen die Berufsorientierung endlich systematisch und strukturiert betreiben. Es müssen auch viel mehr Lehrer Praktika in den Betrieben machen, um den Unterricht praxisnäher zu gestalten. Das muss flächendeckend passieren, um gegen den negativen Trend anzukommen.

Die Betriebe sind unschuldig?

Die Unternehmen bilden schon heute weit mehr schwache Schulabgänger aus als früher, bieten verstärkt Praktika an und kooperieren intensiver mit den Schulen. Von heute auf morgen ist die Herausforderung aber nicht zu nehmen.

2012 sind erneut 266 000 Schulabgänger im „Übergangssystem“ gelandet, also in Kursen, wo sie ausbildungsreif gemacht werden, einen Abschluss nachholen oder schlicht überwintern.

Das sogenannte Übergangssystem ist weder ein Übergang, noch hat es System. Wir sind überzeugt, dass von diesen Jugendlichen mindestens 100.000 sofort eine betriebliche Ausbildung oder zumindest eine Einstiegsqualifizierung im Betrieb beginnen könnten. Leider senden aber manche Lehrer die Botschaft aus: macht lieber noch ein Jahr Schule – anstatt für die duale Ausbildung zu werben. Und so gehen dann auch viele Jugendliche, die eigentlich das Zeug für einen guten Auszubildenden haben, zunächst diesen vermeintlich einfacheren Weg. Es wäre gut, wenn auch die BA noch stärker darauf drängt, dass ausbildungsreife Jugendliche unmittelbar in die Betriebe gehen.

Was bedeutet das alles für den Standort Deutschland?

Wir müssen die Herausforderung „Keiner darf verloren gehen“ noch ernster nehmen.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin

Kommentare zu " Martin Wansleben: „Jugendliche müssen flexibler werden“"

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  • Die Wirtschaft braucht immer mehr Menschen, die mehr als nur Realschulabschluss und 10 Klasse haben aber aufs Gymnasium lässt man sie nicht-die Schüler sollen weiterhin in ihre jeweilige Kaste verbleiben.


    IN diesem Punkt stimm ich mit ihnen überein. Hier war letztens ein Interview mit einem Personalchef der Bundeswehr in den KN: Dieser behauptete, die Bundeswehr braucht immer besser ausgebildete Leute, weil die Anfordrungen steigen.

    Wir bilden viel zu viele nur bis zum 15.,16. Schuljahr aus -- dann kommt Lücke und dann erst die Ausbildung mit 19,20. Und die duale Ausbildung ist eigentlich eine Sekundarstufe II für Schüler ab 15.

    Das funktioniert nicht mehr.

    in SH sind zumindest zw. 2003 und 2008 nur im höheren Berufssegment sv-pflichtige Stellen geschaffen wurden mit plus 18% (Meister,Fachwirt,Akademiker, Techniker)Hingegen viel jede 11. Stelle für Personen mit Ausbildung weg und jede 5. Sv-Stelle für Ungelernte.

    Es gibt da schon eine Veschiebung des Bedarfs. Das liegt auch daran, weil sich die Gesellschaft verändert. Immer mehr Hightech und Informatik, immer mehr Kundenorientierung/kontakt, immer mehr komplexere Bürokratie und Regulierungen und EU-Recht z.B.

    das ist ständig im Bewegung und wird oft genug nicht einfacher. Auch Berufe verändern sich dadurch oftmals.

    ein 15jähriger wird allein schon wegen Jugendrecht oft nicht genommen - will man das deshalb etwa abschaffen?

    andere Länder haben schon 80% Abiturientenquote = längere Schulbildung bis 17,18,19 -- danach dann erst der Beruf.

    gibt es anderswo auch so oft eine "Reifediskussion" -- das wäre mal interessant zu wissen. Überall anderswo gehört das Berufsschulwesen zum Schulwesen, nicht nur zur Wirtschaft.

    allgemeinbildende Grundlagen müssen auch noch gelegt werden - nicht das das nachher untergeht vor lauter Betriebsbesichtigungen.


    und statt Übergangssystem kann man daraus ein vollzeitschulisches Ausbildungsalternativsystem machen -- sowas kennt auch Österreich und DK z.B.

  • Alles klar-wie immer, die neo-liberalen Lösungen. Die Jugendlichen müssen das und das machen, dort wohnen, dann und dann arbeite usw.

    1. Warum haben wir zu wenig junge Menschen? Weil Leute wie dieser Typ nur eins wiederholen: Wir müssen wettbewerbsfähig sein. Ich muss junge Menschen für Jahre in Leih-arbeit stecken. Die Deutschen haben zu hohe Löhne. Tja, wenn junge Menschen bis in Mitte 30 keine feste Stelle haben und sich nur mit 400 Jobs und Aufstocken übers Wasser halten, werden sie auch keine Familien gründen. Mit 35-40 werden nur Adrenalin-Junkies kleine Kinder kriegen.

    2. Warum sind die junge Menschen nicht mobil? Weil keiner mit seinem Leiharbeiter-Lohn es sich leisten kann in die Wirtschaftszentren(München,Frankfurt,Hamburg,Stuttgart) zu leben. Durch die aufkommende Mietpreisexplosion werden junge Leute, länger bei ihren Eltern bleiben und nicht zu den Jobs in die starken Städte ziehen.Zahlt man mehr fürs Wohnung oder Haus, hat man weniger für anderes(auch Kinder).

    3.Warum sind junge Leute schlecht gebildet? Weil man in D im 2013. immer noch 16 Bildungssysteme hat und man das eigentliche Niveau nicht abgleichen kann. Die Wirtschaft braucht immer mehr Menschen, die mehr als nur Realschulabschluss und 10 Klasse haben aber aufs Gymnasium lässt man sie nicht-die Schüler sollen weiterhin in ihre jeweilige Kaste verbleiben. Da erfindet man einfach andere Schulenkonzepte, die Leistungen bleiben aber weiterhin suboptimal. Wer wundert sich das 75% der jungen Leute schlecht ausgebildet sind, wenn nur ein Viertel ein Gymnasium besucht hat.

    Anstelle dieser lächerlichen Allgemeinwissen-Abitur, muss man endlich die Aufnahmeprüfungen für die Unis und Hochschulen einführen. Wer Arzt sein will, soll bitte Bio-und Chemieprüfungen absolvieren und nicht mit ein 1.5 Zeugnis aufkreuzen mit Leistungsfächer Englisch und Mathe oder Deutsch und Geschichte. Dass es in einigen Bundesländer sogar möglich ist Bio,Chemie und Physik abzuwählen, zeigt wie krank das System ist.

  • salpeter
    ich kann Ihnen in vielen Punkten zustimmen.
    Herr Wansleben sollte mal nicht via Presse irgend was in den Raum stellen, sondern die Ursachen wirklich benennen
    Es liegt weniger am demografishen Faktor, als an der immer schlechter werdenden Unerrichtung in unsern Schulen.
    Es geht doch in den Schulen zu, wie auf dem Rummelplatz.
    Von Ordnung, Anstand keine Rede. Lerninhalte? Immer weiter nach unten
    16jährige sind nicht in der Lage, drei Sätze hintereinander zu sagen
    Und so lange man mit 16 nach Schulende sofort zu ARGE laufen kann, so lange wird sich nichts ändern
    Die Spaßgesellschaft halt. Der Staat soll es machen.
    Also Herr Wansleben, auf gehts, gehen Sie mal an diverse Schulen, dann sehen Sie, warum Sie keine Lehrlinge kriegen. Und dann nehmen Sie sich mal die Grünen zur Brust, die diesen Unsinn zu verantworten haben

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