Massaker an Armeniern
Auch Lammert spricht von Völkermord

Bundespräsident Gauck hat vorgelegt, Bundestagspräsident Lammert nun nachgezogen: Auch er nannte das Massaker an den Armeniern vor 100 Jahren einen Völkermord. Der Opposition geht die Armenien-Erklärung nicht weit genug.
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BerlinAlle Bundestagsparteien haben das Massaker osmanischer Truppen an Armeniern vor 100 Jahren als Genozid verurteilt und riskieren damit die Eintrübung der Beziehungen Deutschlands zur Türkei. „Das, was mitten im Ersten Weltkrieg im Osmanischen Reich stattgefunden hat unter den Augen der Weltöffentlichkeit war ein Völkermord“, sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert am Freitag im Bundestag und traf damit den Tenor der Sprecher aller Fraktionen. Bislang hat die Regierung in Ankara mit scharfen Reaktionen auf die Wertung der Massaker als Völkermord reagiert, die sie als Verunglimpfung der Türkei zurückweist.

Die Koalitionsfraktionen von CDU/CSU und SPD haben einen Antrag eingebracht, mit dem das deutsche Parlament erstmals die Massaker an Armeniern förmlich als Genozid qualifizieren soll. Im April 1915 habe die planmäßige Vertreibung und Vernichtung von über einer Million ethnischer Armenier begonnen, heißt es dort. „Ihr Schicksal steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von denen das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gekennzeichnet ist.“ Der Antrag wurde zur Beratung in die Ausschüsse überwiesen und soll in einer späteren Bundestagssitzung verabschiedet werden.

Im Ersten Weltkrieg waren Armenier im Osmanischen Reich als vermeintliche Kollaborateure systematisch vertrieben und umgebracht worden. Nach Schätzungen kamen dabei zwischen 200 000 und 1,5 Millionen Menschen ums Leben. Die Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs lehnt die Bezeichnung Völkermord vehement ab. In seiner Rede bekannte sich Lammert auch zur deutschen Mitverantwortung am damaligen Geschehen. Das Deutsche Kaiserreich war seinerzeit enger Verbündeter des Osmanischen Reichs.

Redner aller Fraktionen unterstrichen, es gehe nicht darum, die Türkei auf die Anklagebank zu setzen. Gerade Deutschland mit seiner Nazi-Vergangenheit habe keinen Grund für Überheblichkeit. Die Türkei solle sich aber auch mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. „Ich wünsche mir türkische Schulbücher, in denen an das Leid erinnert wird“, sagte der Grünen-Chef Cem Özdemir.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Norbert Röttgen, warnte vor falscher Rücksichtnahme auf die türkische Regierung: „Bei Völkermord hört die Abwägung auf“, sagte der CDU-Politiker mit Blick auf Bemühungen, aus diplomatischen Gründen die Massaker nicht Genozid zu nennen. Bereits am Donnerstagabend hatte Bundespräsident Joachim Gauck von einem Völkermord gesprochen.

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Kritik in den türkischen Medien

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  • nicht ganz richtig!

    Wielun war im Frontbereich und wurde von einer polnischen Division verteidigt. Das Zivilisten zu Tode kamen würde man heute als Kolateralschaden bezeichnen. Vor Coventry wurden in München Wohngebiete bombardiert. Auch in Conventry war das Ziel ein Industriekomplex und nicht die Wohnbevölkerung. Die geplante Terrorbombadierung von Wohngebieten wurde von England begonnen und mit den USA in eine Größenordnung gesteigert die einen Vergleich mit Conventry usw. nicht zuläßt . Conventry 500 Tote, Hamburg 50000 Tote.

  • Wer sagt am häufigsten Völkermord?
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    ■ Der Papst nannte es Völkermord
    ■ Gauck nannte es Völkermord
    ■ Özdemir (Grüne) nannte es Völkermord
    ■ Österreich nennt es Völkermord
    ■ Lammert nennt es Völkermord
    ■ Steinmeier (SPD) nennt es NICHT Völkermord
    ■ Erdogan nennt es NICHT Völkermord
    ■ Die Regierung eiert noch herum, ob sie verklausuliert von Völkermord sprechen soll


  • @Mario Müller:


    "...mal wieder eine historische Verpflichtung"

    Inwieweit D als Verbündeter des osmanischen Reiches mitverantwortlich war, kann/sollte durch Historiker geklärt werden.

    Nach meinem Kenntnisstand ist D eher nicht mitverantwortlich dafür, aber ich bin kein Historiker.

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