Matthias Platzeck
„Provinz-Ei“ auf großer Bühne

Matthias Platzeck wird er neuer SPD-Vorsitzender. Als „Deichgraf“ bei der Oderflut wurde er berühmt. Als bodenständig wird er geschätzt. Das Porträt eines Aufsteigers, der eigentlich gar nicht nach oben wollte.

BERLIN. „Jeder kriegt noch eine Chance“, hatte Schnulzensänger Roland Kaiser gejault. Und wenig später: „Alles wird gut.“ Die 6000 Genossen auf dem Marktplatz in Jena folgten ihm mit gemischten Gefühlen. Dann endlich trat Bundeskanzler Gerhard Schröder auf die Bühne und mit ihm der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck. Der Ostdeutsche mit dem Dreitagebart ergriff das Mikrofon. „Meine Eltern haben hier geheiratet“, sagte er. „Ich weiß nicht, ob ich hier gezeugt wurde, aber ich habe in jedem Fall Jenaer Blut.“ Da jubelte die Menge, und Schröder legte väterlich seine Hand auf Platzecks Schulter.

Eine Szene aus dem Bundestagswahlkampf, irgendwann im August 2005. Für sich genommen nicht weiter wichtig und doch höchst charakteristisch für Platzeck. „Sympathisch“, „unverbraucht“ und „bodenständig“ sind die Attribute, die man im Zusammenhang mit seinem Namen am häufigsten zu hören bekommt. Der 51-Jährige poltert und polemisiert nicht. Er drängt nicht nach oben. Als „Provinz-Ei“ hat er sich halb scherzhaft selbst bezeichnet. Seine Lebensgefährtin, ein paar Freunde, seine drei Töchter und sein Kiez in Potsdam-Babelsberg waren bislang seine Welt.

Lange schon hatten die SPD-Gewaltigen im Willy-Brandt-Haus den gelernten Diplom-Ingenieur, der sich während der Überschwemmungskatastrophe an der Oder im Sommer 1997 als „Deichgraf“ bundesweit einen Namen machte, als Hoffnungsträger im Auge. Öfter, wenn die nicht eben üppige Personaldecke der Sozialdemokratie nach einem möglichen Kanzlerkandidaten durchkämmt wurde, blieb man bei Platzeck hängen. Zweimal wollte ihn Schröder ins rot-grüne Kabinett holen. In der großen Koalition sollte er, so hofften Schröder und Parteichef Franz Müntefering noch vor wenigen Wochen, Vizekanzler und Außenminister werden.

Doch jedes Mal winkte Platzeck ab. Sein Platz sei in Potsdam, wo ihn die Brandenburger erst 2004 zum Chef einer großen Koalition gemacht hatten, argumentierte er. Das mag etwas mit seinem Pflichtgefühl zu tun haben und wohl auch mit seiner späten politischen Sozialisation: Nach dem Fall der Mauer im November 1989 engagierte er sich zunächst bei Bündnis 90. Aus Protest gegen deren Zusammenschluss mit den westdeutschen Grünen trat er dann aber aus der Partei aus. Erst seit Juni 1995 besitzt Platzeck das Parteibuch der SPD.

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