Mauer-Schauer
Und noch einmal fällt die „Berlin Wall“

Der 9. November beginnt mit einem Paradox. Um den Fall der Mauer vor genau 20 Jahren zu feiern, werden überall auf der Welt erst mal neue Mauern gebaut. In London eine aus Eis, in Hollywood eine aus Stein, in Berlin am Brandenburger Tor eine aus 1000 2,50 Meter hohen Styroporsteinen. Und in Paris hat der Zuckerbäcker Patrick Roger aus 900 Kilo Schokolade eine Mauer geformt – inklusive „Graffiti“. Gestern wurden sie alle wieder eingerissen.

BERLIN. Der 9. November beginnt mit einem Paradox. Um den Fall der Mauer vor genau 20 Jahren zu feiern, werden überall auf der Welt erst mal neue Mauern gebaut. In London eine aus Eis, in Hollywood eine aus Stein, in Berlin am Brandenburger Tor eine aus 1000 2,50 Meter hohen Styroporsteinen. Und in Paris hat der Zuckerbäcker Patrick Roger aus 900 Kilo Schokolade eine Mauer geformt – inklusive „Graffiti“. Gestern wurden sie alle wieder eingerissen.

Der Drang nach Mauersymbolik schlägt an diesem historischen Tag alles. Da rutschen die ernsteren Worte fast in den Hintergrund. Gerade die Bundesregierung wird sich ab heute, wenn die Feiern vorbei sind, mit einigen intensiver befassen müssen.

Zunächst jagte allerdings in Berlin ein Festakt den nächsten – mit teilweise absurden Folgen. Beispiel Hotel Adlon: Da zeichnet der Think-Tank „Atlantic Council“ gerade die Völker Osteuropas, Deutschlands und der USA für ihr Engagement für den Wandel aus. US-Außenministerin Hillary Clinton und ihr deutscher Kollege Guido Westerwelle nehmen die Preise entgegen. Durch den Gang nebenan streift auf einmal Michail Gorbatschow. Der frühere sowjetische Staatschef aber will zu einer ganz anderen Gedenkveranstaltung zum 9. November, am anderen Ende des Hotels. Manchmal ist angesichts des Prominenten-Gedrängels nicht mehr klar, ob der politische Jet-Set eigentlich den 20. Jahrestag des Mauerfalls feiert – oder sich selbst.

Im Stundentakt fliegen die Staats- und Regierungschefs im regnerischen Berlin ein. Nicht ohne Hintergedanken hat Angela Merkel dafür sorgen lassen, dass das Jubiläum so groß begangen wird wie kein Jahrestag zuvor. Die Kanzlerin hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend selbst zu einer Ikone der Freiheit stilisiert. Das aus Ostdeutschland stammende Mädchen, das Kanzlerin des vereinten Deutschlands wird und den Amerikanern dafür dankt – das ist ein Erfolgsrezept. Dass sie vergangene Woche als erste Kanzlerin seit Konrad Adenauer vor beiden Häusern des US-Kongresses reden durfte, ist ein Erfolg ihrer „Markenstrategie“.

Auch am 9. November wählt sie jede Geste sorgfältig. Mit Michail Gorbatschow und dem früheren polnischen Präsidenten Lech Walesa spaziert sie mit Regenschirm bewaffnet über die Bornholmer Brücke, wo vor 20 Jahren die ersten DDR-Bürger in den Westen spazieren konnten. Am Abend geht es dann mit mehreren Dutzend Staatenlenkern durch das Brandenburger Tor. Im Festkonzert lauschen die Gäste nicht nur der „Berliner Luft“ von Placido Domingo, sondern auch Arnold Schönbergs „A Survivor from Warsaw“ – als Erinnerung an den Holocaust. Dann stoßen Walesa und der frühere ungarische Ministerpräsident Miklos Nemeth gegen die ersten Styroporsteine – für den Dominoeffekt.

Dass US-Präsident Barack Obama nur per Videobotschaft grüßt, fällt da kaum auf: Schließlich feiert sogar der russische Präsident mit – eine Geste der einstigen Supermacht, die auch durch den Mauerfall ihre vorherrschende Stellung in Osteuropa einbüßte.

Nur wenigen gelingt es, im Wust der Veranstaltungen überhaupt eigene Akzente zu setzen. Dazu gehört etwa Guido Westerwelle (FDP). Am Sonntagabend betritt der neue Außenminister die Bühne des „Atlantic Council“ im Hotel Adlon und schiebt das vorbereitete Redemanuskript beiseite. Dann kopiert er das Erfolgsrezept der Kanzlerin und liefert den Amerikanern in einer freien und in flüssigem Englisch gehaltenen Rede das, was sie lieben: Er lässt es menscheln. Westerwelle verbindet seine Biografie mit den Wirren der Weltgeschichte. Sein Vater habe den 13-jährigen Guido einst zu einem Berlin-Besuch eingeladen und an die Mauer geführt. Dort, von einem Holzpodest, blickt Guido über die Mauer und begreift zum ersten Mal die Tragödie der Teilung, erzählt der Außenminister. In der TV-Show „Beckmann“ legt der Rheinländer nach und erzählt, dass er beim Mauerfall vor 20 Jahren vor Glück geweint habe.

Hillary Clinton reagiert begeistert. „Diese Geschichte hat mich sehr bewegt. Ich werde sie noch lange im Gedächtnis behalten“, sagt die US-Außenministerin. Westerwelle, der neben ihr steht, lächelt zufrieden.

Doch Clinton ist es auch, die den Blick in die Zukunft richtet: „Unsere Geschichte endet nicht mit dem Mauerfall.“ Amerika und Europa müssten die Unfreiheit auf der Welt bekämpfen – und dafür Opfer bringen wie die Generationen zuvor. Kanzlerin Merkel habe im US-Kongress selbst gesagt, nach den Mauern des 20. Jahrhunderts müsse man die des 21. Jahrhunderts angehen. Wenn das Feiern vorbei ist, wird Clinton wohl genauer sagen, was sie sich wünscht: mehr Hilfe in Afghanistan, zum Beispiel.

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