Mauerfall
Schabowski rühmt sich als Sargnagel des Sozialismus

Er hat sich als einer von wenigen zu seiner politischen Mitverantwortung bekannt und mit seiner Vergangenheit gebrochen: der frühere SED-Funktionär Günter Schabowski. In einer TV-Sendung nahm nun für sich in Anspruch, dem DDR-Sozialismus „gottlob den Sargnagel verpasst“ zu haben.
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HB BERLIN. „Ich vermisse nichts aus der DDR. Der Sozialismus ist für mich etwas Überholtes“, sagte der 80-Jährige in einem Interview für die ZDF-Sendung „Maybrit ILLNER“, die am Donnerstagabend ausgestrahlt werden sollte. Schabowski hatte vor 20 Jahren am 9. November die Grenzöffnung fast nebenbei verkündet. „Ich bin der Meinung, dass er den Sargnagel verdient hat, weil er im Grunde nicht zu machen ist. Der Sozialismus ist nicht zu machen“, sagte das frühere Mitglied des SED-Politbüros.

Schabowski sei nach einer Herzoperation und Komplikationen derzeit wieder in einer Reha-Klinik, hatte seine Frau Irina am Mittwoch der dpa gesagt. In dem Interview sagte er laut ZDF, die DDR sei 1989 am Ende und „sozusagen ein Versager“ gewesen. Die SED-Machthaber hätten den Zeitpunkt für Reformen des Sozialismus verschlafen und seien damals der Meinung gewesen, „sie könnten die DDR fortsetzen, aber das war eine Illusion“, sagte er quasi auch an seine eigene Adresse.

Der frühere Politfunktionär bekannte erneut, dass die DDR ein Unrechtsstaat war. Schabowski hat sich als einer von wenigen zu seiner politischen Mitverantwortung bekannt und mit seiner Vergangenheit gebrochen.

Kommentare zu " Mauerfall: Schabowski rühmt sich als Sargnagel des Sozialismus"

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  • ich bin nicht der Meinung, dass sich Schabowski selbst als "Sargnagel des Sozialismus" rühmt. Das Verb in dieser Formulierung gefällt mir nicht.

    Wer ihn in interviews der letzten Jahre gesehen hat, dem wird auch nicht entgangen sein, dass er sehr hart mit sich und seinen damaligen und heute zum großen Teil leider nimmer noch unverbesserlichen SED-Kumpanen hart ins Gericht geht. Das ist nicht das Ergebnis hinzugewonnener Wende-Rhetorik, sondern das Ergebnis tiefer und schmerzvoller Selbtkritik und Einsicht, aber auch hinzugewonnener Realitätsnähe.

    Damit widerspreche ich Denjenigen, die in Foren und Chats ungeachtet jeglicher Fairness und Toleranz auf dem am boden liegenden Verlierer eintreten - und sich ähnlich geartet wie die damaligen Diktatoren rechthaberisch und inhuman verhalten.

    Sowohl verbal als auch nonverbal ist Schabowski anzumerken, dass er es ernst meint. Ganz im Gegensatz zu solchen Leuten wie Krenz oder selbst einigen Linken der heutigen Politszene. Das erkenne ich an, akzeptiere ich und dafür gilt mein Respekt einem Menschen, der im hohen Alter tatsächlich und glaubhaft zu seiner Weisheit gefunden hat.

    ich bin selbst ehemaliger DDR-Flüchtling, hatte vorher viel ärgerlichen Kontakt mit Stasi & Co., und bin der Sohn eines Vaters, der in der damaligen DDR als politischer Gefangener einen Teil seines Lebens bestreiten musste.

    So gesehen erscheint mir manch undifferenziert geäußerte Kritik nicht als solche, sondern als Projektionsfläche für Hass, auch ewig gestrigem Denken und als Abbild einer selbst nicht verarbeiteten Historie. Ein Ergebnis von Frustration, kanalisiert in Aggression. Für mich nicht hinnehmbar und inakzeptabel. Da nützt die neue Freiheit nichts, wenn die alten blockaden im Kopf zu lybyrinth-ähnlichem Denken führen.

    Schabowski ist dieser große Schritt gelungen, aus der Denkschleife auszubrechen und sich zu bekennen. Dem Rest wünsche ich dies auch.

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