25 Jahre Mauerfall
Das Ende der Mauer im geteilten Dorf

Obwohl sie nur einen Steinwurf voneinander entfernt wohnten, konnten die Menschen in Zicherie und Böckwitz jahrzehntelang nicht miteinander reden. Die Wende erlebten sie als Wunder. Wie geeint ist das Doppeldorf heute?
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HannoverZicherie-Böckwitz war in der Zeit des Kalten Krieges so etwas wie Klein-Berlin. Der Todesstreifen mit Stacheldraht und Selbstschussanlagen durchschnitt das Doppeldorf rund 20 Kilometer nördlich von Wolfsburg. Wo früher die unüberwindbare Betonmauer stand, sitzt Udo Gaedicke auf seinem Rasenmähertraktor und fährt über die 1990 angelegte Europawiese. Fast nichts in dieser Idylle erinnert an die ehemalige Grenze. Auf einem Schild an der Straße steht lediglich: „Hier waren Deutschland und Europa bis zum 18. November 1989 geteilt“.

Am 18. November 1989, neun Tage nach dem Mauerfall in Berlin, wurde ein Grenzübergang von Böckwitz nach Zicherie geöffnet. Dazu musste auf DDR-Seite im Grenzstreifen eine provisorische Straße gebaut werden. Gaedicke ist keiner, der viele Worte macht. „Wir lagen uns alle in den Armen, obwohl ich keinen aus Zicherie kannte“, erinnert sich der Maler an die Wiedervereinigung des knapp 500 Einwohner zählenden Doppeldorfes. Die Euphorie war groß in jenen Novembertagen. Kolonnen von Trabbis fuhren durch die niedersächsische Provinz. Menschen an den Straßen reichten Sektflaschen, Bier, Äpfel und Bananen durch die Autofenster hinein. „Wir konnten es alle nicht fassen und waren super-glücklich“, sagt Ulrike Flegel aus Zicherie, damals Anfang 20, und ihre Augen strahlen. Sie steht in der Einfahrt ihres Hauses. 1989 war sie gemeinsam mit ihrem Ehemann hier gerade eingezogen, vom Fenster blickten sie auf die Grenzanlagen.

Ulrike Flegel ist mit zwei deutschen Staaten aufgewachsen - für sie hatte die Grenze im Dorf nichts Bedrohliches. „Es war wie das Meer, dort ging es einfach nicht weiter.“ Auch Udo Gaedicke auf der Ostseite fand nichts dabei, so nahe an der Mauer zu leben. Dabei benötigten alle Verwandten einen Passierschein, um ihn in der Fünf-Kilometer-Sperrzone zu besuchen.

Friedrich Lenz dagegen hat die deutsche Teilung seinen Hof und beinahe auch das Leben gekostet. Das Grundstück des Landwirts lag zu zwei Drittel im Osten und zu einem Drittel im Westen. Der Familienvater erlitt 1952 einen Herzanfall, als die Nachricht kam, dass er von der DDR-Regierung enteignet und zwangsumgesiedelt werden sollte. Erst acht Jahre später gelang der Familie die Flucht über Berlin. 1961 baute Lenz ein kleines neues Haus im Westen, nur 200 Meter Luftlinie entfernt von seiner alten Heimat.

Sein Sohn, Friedrich-Wilhelm Lenz, erzählt die Geschichte seiner Familie sachlich, ohne Verbitterung. Er sitzt auf der Terrasse seines Hauses in Zicherie, auch nur einen Steinwurf von der früheren Grenze entfernt. Die deutsche Teilung hatte ihn über Jahrzehnte von seiner Schwester getrennt. „Sie wollte statt zu fliehen bei ihrer Tante im Osten bleiben, um dort Abitur zu machen, und später nachkommen. Dann konnte sie aber erst 1986 legal ausreisen.“ Welche Erinnerungen hat er an den Mauerfall? „Das wahnsinnige Schauspiel Grenzöffnung habe ich nicht erlebt. Da war ich gerade in Barcelona“, sagt der 64-jährige frühere Volkswagen-Manager.

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„Vorgesorgt für die nächste Teilung“

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