25 Jahre Mauerfall Zweite Wende auf dem Ostarbeitsmarkt

Im Westen hat es mancher vielleicht nicht bemerkt: Der Osten holt auf. 25 Jahre nach der Wende sinkt die Arbeitslosigkeit und es steigen die Einkommen - jedoch nur für einen Teil der Bürger.
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Der streng gesicherte Todesstreifen der innerdeutschen Grenze: Das Grenzdenkmal in Hötensleben. Quelle: dpa

Der streng gesicherte Todesstreifen der innerdeutschen Grenze: Das Grenzdenkmal in Hötensleben.

(Foto: dpa)

BerlinKlaus Dörre will das nicht mehr hören: kleinteilig, unproduktiv, nicht wettbewerbsfähig. Solche Bemerkungen über ostdeutsche Betriebe und ihre Beschäftigten seien ungerecht, sagt der 57-Jährige. „Wir müssen uns hüten, über die Menschen im Osten zu reden, als seien sie Mängelware.“ Dörre, westdeutscher Soziologe mit Lehrstuhl in Jena, ist damit nicht allein. Immer mehr Beobachter sehen, dass der Osten aufholt. Denn 25 Jahre nach dem abrupten Umstieg von der Plan- auf die Marktwirtschaft sind erste Erfolge nicht mehr zu übersehen - wenn auch längst nicht überall. „Es gibt tatsächlich Licht am Ende des Tunnels“, sagt der US-Ökonom Michael Burda, der in Berlin lehrt.

Auf dem Arbeitsmarkt jedenfalls ist so etwas wie eine zweite Wende im Gang. Nachdem in den 90ern Hunderttausende ihre Arbeit verloren - viele für immer - stieg die Zahl der Arbeitsplätze im Osten von 2007 bis 2013 um 389 000 auf 5,51 Millionen. Die Arbeitslosigkeit sank binnen zehn Jahren um fast die Hälfte auf 9,4 Prozent im August 2014. Westdeutschland konnte im gleichen Zeitraum um gut zwei Drittel abbauen und liegt nun bei 6 Prozent. Auch die Brutto-Monatsgehälter steigen - seit 2003 um 44 Prozent. Im Westen waren es 36 Prozent. Doch mit 3094 Euro liegen Beschäftigte dort nach der Statistik der Bundesagentur für Arbeit weiter vorn. Im Osten sind es 2317 Euro.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat kürzlich veröffentlicht, wo die Löhne seit 1993 am stärksten gestiegen sind. An zweiter Stelle zwischen den Audi- und Siemens verwöhnten Standorten Ingolstadt und Erlangen: Jena. „Die süd-ostdeutschen Städte sind die Leuchttürme der Entwicklung“, sagt Ökonom Burda. Der Soziologe Dörre muss nur aus dem Institutsfenster blicken, um einen der Leuchttürme zu sehen: Nebenan sitzt der Jenoptik-Konzern. Doch das verweist auch auf eines der größten Probleme des Ostens: Hauptverwaltungen mit ihren Forschungs- und Entwicklungsabteilungen gibt es kaum. Für die meisten Konzerne bleibt der Osten die verlängerte Werkbank. Sie nutzten das niedrige Lohnniveau und investierten wenig in Aus- und Weiterbildung.

Als Denzel Washington die Mauer zertrümmerte
Dragqueens erobern das Fernsehen
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Dragqueen Olivia Jones stand am 9. November 1989 in Berlin auf der Bühne. „Ich habe da in einem Travestie-Kabarett gearbeitet, und da war plötzlich die Mauer auf. Großes Feuerwerk – und wir sind wirklich zur Mauer hingerannt. Und das Gefühl, das da herrschte, diese Partystimmung – das kann man nicht in Worte fassen. Und deshalb bin ich ganz froh, dass ich es erlebt habe. Weil das war echt cool“, erinnert sich die Travestiekünstlerin. „Es gibt nichts besseres als die Freiheit. Und die wurde an dem Tag gefeiert. Deswegen ist das ein Tag, wenn ich an den denke, kriege ich immer noch ein bisschen Gänsehaut.“

25 Jahre Mauerfall Ingeborg Grässle
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Die Europaabgeordnete Ingeborg Gräßle (CDU) erlebte den Mauerfall in einem Studienseminar im Dominikanerkloster Walberberg bei Köln. „Wir diskutierten im Saal und plötzlich platzte ein Kommilitone herein und rief: „Die Mauer ist offen.“ Wir glaubten es nicht und rannten in den Fernsehraum, und da sahen wir es: Menschen, die über die Grenzübergänge strömten, glückliche Menschen, Umarmungen, Gelächter, Trabis, denen aufs Dach geklopft wurde – und diese unendliche Freude!“, erzählt die 53-Jährige aus Heidenheim. „Als ich am Samstag heimfuhr nach Stuttgart, mit dem Intercity den Rhein entlang – da waren sie auf der Autobahn gen Süden, die hellblauen Trabis und die anderen, unschwer zu erkennenden DDR-Autos. Viele schon mit der Deutschlandfahne. Und im Zug hingen alle am Fenster und winkten.“ Bis heute erinnere sie sich an die große Freude. „Und das überwältigende Gefühl zusammenzugehören.“

25 Jahre Mauerfall - Heiner Lauterbach
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Schauspieler Heiner Lauterbach lag gerade mit seiner damaligen Frau Katja Flint zu Hause im Bett, als die Mauer fiel. In ihrer Wohnung in München-Schwabing verfolgten sie die Geschehnisse am 9. November am Fernseher. „Wir waren sehr berührt, hatten Tränen in den Augen vor Freude“, erinnert sich der 61-Jährige. Beruflich beschäftigt ihn das Thema bis heute. In dem ZDF-Dreiteiler „Tannbach“, der Anfang 2015 ausgestrahlt wird, spielt Lauterbach einen Gutsbesitzer, der in den Westen geht, während sich seine Tochter für das Bleiben in der DDR entscheidet.

Tag der Deutschen Einheit 2014
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Stephan Weil hat vom Mauerfall erst mit einem Tag Verspätung erfahren. „Ehrlich gesagt, aus irgendwelchen Gründen habe ich am Abend und in der Nacht des 9. November 1989 zunächst von dem Fall der Mauer überhaupt nichts mitbekommen“, erinnert sich der niedersächsische Ministerpräsident. Erst am nächsten Morgen habe seine Frau ihm unter der Dusche gesagt, sie glaube, die Mauer sei gefallen. „Das Duschen hat dann sofort aufgehört.“ Die Nachricht löste bei Weil „völlige Überraschung und unglaubliche Begeisterung“ aus. Als er kurz darauf einen Trabi aus Magdeburg auf der Straße stehen sah, habe er das darin schlafende Pärchen sofort zum Frühstück eingeladen. „Ich habe einen Zettel hinter den Scheibenwischer geklemmt. Sie kamen dann auch eine Stunde später, und so hatten wir das erste gesamtdeutsche Frühstück.“

Gunther Emmerlich
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Die Nachricht vom Mauerfall überraschte Sänger und Entertainer Gunther Emmerlich am 9. November 1989 in der Dresdner Semperoper. Dort probte er mit Schauspieler Wolfgang Stumph, Sänger Reinhard May und Jazzkomponist Günther Fischer die vorletzte „Showkolade“-Sendung im DDR-Fernsehen. „Es war ein Glücksmoment, wir haben gelacht und geweint“, erinnert sich der 70-Jährige. Am nächsten Tag konnte die Show vor der Aufzeichnung nur technisch durchgesprochen werden, weil alle in Berlin waren, um den ersten Schritt durch die Mauer zu machen. „Wenn ich die Bilder sehe, bin ich immer noch voller Freude, und wenn dann geweint wird, nur aus Rührung.“ Natürlich seien nichts alle Blütenträume aufgegangen. „Wer das dachte, dachte von vornherein falsch“, sagt Emmerlich. „Wenn ich den Übergang erleben darf von einer Diktatur zur Demokratie, bei aller Luft nach oben, die es auch in dieser Demokratie gibt, dann kann aber nur die Freude überwiegen.“

Donostia Award - Press conference - 62nd San Sebastian Internatio
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US-Schauspieler Denzel Washington war zwar nicht direkt zum Mauerfall in Berlin, aber ein paar Wochen später. Der Oscar-Preisträger stellte bei der Berlinale 1990 seinen Film „Glory“ vor. „Kurz zuvor war die Mauer gefallen und sie drückten mir einen Presslufthammer in die Hand und ich riss ein Stückchen Mauer ein“, schilderte er vor einiger Zeit seine damaligen Erlebnisse. Noch heute habe er ein Mauerstück zu Hause. Als er zuletzt in Berlin war, sah der 59-Jährige vom Hotelfenster aus die Schülergruppen, die heute über den einstigen Todesstreifen laufen. „Und viele Menschen fahren mit dem Fahrrad durchs Brandenburger Tor. Wenn man die jungen Leute sieht, dann fragt man sich: „Wissen die Bescheid?““ Wer heute 25 sei, habe keinerlei Erinnerung mehr an die Mauer. „Das Leben ist so schnell – mit uns oder ohne uns.“

FDP-Bundesparteitag
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Höchst emotionale Erinnerungen hat Wolfgang Kubicki an den Fall der Berliner Mauer. „Am 9. November 1989 war ich mit meiner heutigen Frau in Lüneburg, wo ich in einem Fall als Verteidiger zu tun hatte“, sagt der FDP-Vize, der auch als Anwalt arbeitet. „Im Hotel sahen wir dann im Fernsehen, wie der ZDF-Korrespondent die Öffnung des Grenzübergangs verkündete. Mir standen die Tränen in den Augen.“ Seine heutige Frau fragte ihn damals: „Warum weinst du?“ Kubicki antwortete: „Das muss wohl doch etwas Anderes sein als würde die Grenze zwischen Nord- und Südkorea fallen.“ Ihn habe ein Gefühl der Freiheit ergriffen. „Es war klar, jetzt ist der Zaun weg.“ Für ihn sei die DDR weit weg gewesen, nicht mehr Deutschland, eine eigene Nation, erinnert er sich. „Sechs Tage später war ich dann in Rostock, traf den neu gewählten Bezirksvorstand der Liberaldemokratischen Partei.“

Nach der Wende seien große Fehler gemacht worden, meint Heinrich Alt, Vorstand bei der Bundesagentur für Arbeit. „Wir hatten weder geduldiges Kapital noch geduldige Investoren.“ Alles, was nicht weltmarktfähig war, sei ruck-zuck plattgemacht worden. Ohne Rücksicht auf wertvolle Erfahrung und Kontakte, etwa nach Osteuropa. „Viele, die jahrelang gewartet hatten, und nun ihre Ideen umsetzen wollten, wurden enttäuscht.“ So ging viel Zeit verloren, in der die Sozialkassen Scharen von Arbeitslosen versorgten. Von dem zaghaften Aufschwung profitieren nun vor allem Thüringen und Sachsen, die schon wirtschaftsstark waren, bevor sich jemand das Kürzel DDR ausdenken konnte.

In Sachsen-Anhalt, weiten Teilen Brandenburgs und Mecklenburg-Vorpommerns bleibt die Lage schwierig. Nach dem Abbau der DDR-Industrie fehlen Industriearbeitsplätze. Ganze Landstriche haben hier nichts vorzuweisen. Stattdessen werden in Gesundheits- und Sozialberufen händeringend Fachkräfte gesucht. Für Gert Wagner lässt sich das Süd-Nord-Gefälle nicht ganz beheben. „Man hat in Westdeutschland ähnliche Unterschiede“, sagt der Vorstand des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Dünner besiedelte Regionen seien eben schwächer. „Das ist auf der ganzen Welt so.“ Er fordert sogar, die vorhandenen Stärken zu fördern. „Auch wenn man die Unterschiede innerhalb Ostdeutschlands damit noch größer macht.“

  • dpa
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