DDR-Flucht als Kind

Wenn die Freiheit nach Joghurt schmeckt

Im Jahr 1989 hat Außenminister Genscher die DDR-Flüchtlinge in der überfüllten Prager Botschaft erlöst. Unter den Tausenden Wartenden war auch David Altheide. Für den damals zehnjährigen war die Ausreise ein Abenteuer.
Kommentieren
David Altheide steht an der Grenzgedenkstätte Point Alpha in Geisa. Als der damalige Außenminister Genscher die DDR-Flüchtlinge 1989 in der proppenvollen Prager Botschaft erlöst und die Ausreise verkündet, ist auch Altheide als Zehnjähriger unter ihnen. Quelle: dpa

David Altheide steht an der Grenzgedenkstätte Point Alpha in Geisa. Als der damalige Außenminister Genscher die DDR-Flüchtlinge 1989 in der proppenvollen Prager Botschaft erlöst und die Ausreise verkündet, ist auch Altheide als Zehnjähriger unter ihnen.

(Foto: dpa)

Rasdorf Noch heute bekommt David Altheide Gänsehaut, wenn er an den 30. September 1989 in der Prager Botschaft zurückdenkt. Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher verkündete den Tausenden wartenden DDR-Flüchtlingen, dass alles gut wird. Vom spärlich beleuchteten Balkon sprach er den berühmten Satz, der in einem Jubelsturm unterging: „Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...“

Für David Altheide, als Kind damals mit seiner Mutter und seiner Halbschwester (8) in der Prager Botschaft, ändert sich nach diesem historischen Tag das Leben grundlegend. Es geht von Osten nach Westen. Doch bis es soweit war, vergingen Tage der Ungewissheit. „Die Erinnerungen daran sind auch 25 Jahre danach noch immer präsent. Die Flucht wirkte auf uns Kinder wie ein großes Abenteuer.“

Zunächst ist aber von Flucht nicht die Rede. Die Familie fährt von Gera in Thüringen mit dem Zug nach Prag. Die Eltern trichtern den Kindern ein: Es geht nur zu Verwandten. „Als Gastgeschenk hatten wir eine Flasche Pfefferminzlikör im Gepäck“, erinnert sich Altheide.

Die Fahrt verläuft ängstlich. „Bei der Grenzkontrolle haben Uniformierte dann Leute aus dem Zug gezerrt. Bei uns ging aber alles glatt. Meinen Eltern waren sichtlich erleichtert“, erzählt Altheide. In Prag angekommen weisen Passanten den Weg zur Botschaft.

Frauen und Kinder dürfen rein, Altheides Vater muss sich vor der Botschaft allein durchschlagen. „Ich erinnere mich noch an die enorme Hektik, die vor der Botschaft herrschte. Es hieß auch, Stasi-Spitzel hätten sich unters Volk gemischt.“

In der Botschaft angekommen, bekommt Altheides Familie Platz im Matratzenlager im Keller. Und dort merkt er auch erstmals, wie der Westen schmeckt. „Dort stand eine Palette mit Joghurt, Pfirsich-Maracuja, mit Fruchtstücken. So guten Joghurt hatte ich noch nie gegessen. Ich habe es bis zum Abwinken genossen“, erzählt er. Doch er erinnert sich auch an die Enge. „Jeder Winkel des Gebäudes und Gartens wurde ausgenutzt. Die Menschen lagen selbst auf Treppen. Wer zur Toilette musste, musste eine Stunde anstehen.“

„Im Westen war alles viel bunter“
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: DDR-Flucht als Kind - Wenn die Freiheit nach Joghurt schmeckt

0 Kommentare zu "DDR-Flucht als Kind: Wenn die Freiheit nach Joghurt schmeckt"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%