Genscher über den Mauerfall
Nüchtern, schmucklos, kein Triumph

Die Rede Hans-Dietrich Genschers auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag ist das Symbol der Wiedervereinigung. Der Ex-Außenminister über Verständigungsprobleme, Kameraverbot und warum er sachlich bleiben musste.
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BerlinAls Bundesaußenminister gehörte Hans-Dietrich Genscher zu den wichtigsten Figuren im „Wendejahr“ 1989. Seine Worte an die vielen tausend DDR-Flüchtlinge im Garten der bundesdeutschen Botschaft in Prag sind Legende. Auch wenn kaum jemand weiß, wie der FDP-Politiker seinen letzten Satz zu Ende brachte, der im ohrenbetäubenden Jubel unterging. Im dpa-Interview verrät Genscher, wie es weiterging.

Ihr Auftritt gehört zu den großen Momenten der deutschen Wiedervereinigung. Aber wie ging Ihr Satz eigentlich weiter? „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ...“?
„... möglich geworden ist.“

Wenn man sich die Aufnahmen von damals anschaut, wirken Sie gar nicht so richtig bewegt...
Ich hatte mir vorgenommen, ganz nüchtern und schmucklos zu sprechen, um nicht den Eindruck zu erwecken, ich wolle diese Mitteilung, bei der ich mir über die Reaktion der Flüchtlinge vor mir im Klaren war, triumphierend erscheinen lassen. Ich war sicher, es hatte in der Führung der DDR auch Gegner der Botschaftsöffnung gegeben. Die sollten nicht noch nachträglich einen Grund geliefert bekommen, mit dem sie die Öffnung doch noch verhindern.

Warum war das damals so schwer zu verstehen?
Ich sprach nicht in einem Rundfunkstudio, sondern von dem Balkon der Botschaft mit provisorisch installierter Lautsprecheranlage. Um mir nicht vorwerfen zu lassen, wir würden die Öffnung der Botschaft propagandistisch ausschlachten, hatte ich auch die Kameraleute gebeten, zu verstehen, dass ich sie nicht in die Botschaft einließ. Die Aufnahmen, die Sie kennen, sind die Aufnahmen eines Kameramannes, der sich dennoch - und zwar von hinten – Zugang verschafft hatte. Deshalb auch die schlechte Licht- und Tonqualität.

Wann waren Sie sich sicher, dass die Ausreise der DDR-Bürger tatsächlich gelingt?
Sicher war ich mir, als meinem Mitarbeiter am Abend vorher kurz vor unserem Abflug am 29. September 1989 aus New York von dem Mitarbeiter des DDR-Außenministers Oskar Fischer gesagt wurde, Herr Fischer lässt Herrn Genscher sagen, es lohne sich immer für Herrn Genscher, mit Herrn Fischer zu reden; die Einzelheiten werden Herrn Genscher morgen früh - also am 30. September morgens - nach seiner Ankunft in Bonn von dem Ständigen Vertreter der DDR dargelegt.

Hans-Dietrich Genscher (87) war von 1974 bis 1992 fast ohne Unterbrechung Bundesaußenminister und Vizekanzler. Zuvor hatte er schon fünf Jahre als Innenminister hinter sich. Der FDP-Politiker lebt mit seiner Frau in der Nähe von Bonn.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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