Theo Waigel zum Mauerfall

„Wir haben fast alles richtig gemacht“

Er ist der Architekt der Wirtschaftsunion mit der DDR. Ex-Finanzminister Theo Waigel spricht im Interview über Fehler bei der Wiedervereinigung, die Zukunft des Soli – und seine Rolle im umstrittenen Kohl-Buch.
21 Kommentare
Theo Waigel war von 1989 bis 1998 Bundesfinanzminister und handelte die Wirtschafts- und Währungsunion mit der DDR aus. Auch heute ist er überzeugt: „Man kann die Wiedervereinigung nicht mit einem langen Stufenplan machen.“ Quelle: Thorsten Jochim für Handelsblatt

Theo Waigel war von 1989 bis 1998 Bundesfinanzminister und handelte die Wirtschafts- und Währungsunion mit der DDR aus. Auch heute ist er überzeugt: „Man kann die Wiedervereinigung nicht mit einem langen Stufenplan machen.“

(Foto: Thorsten Jochim für Handelsblatt)

MünchenTheo Waigel hat den Mauerfall verpasst. Am 9. November 1989 hatte sich der damalige Finanzminister zu einer CSU-Jubiläumsfeier in seinem Wahlkreis Illerberg überreden lassen. Dort bekam er die Nachricht über die Ereignisse in Berlin. Waigel sagte sofort alle weiteren Termine ab und flog am nächsten Morgen in die nicht mehr geteilte Stadt, um Helmut Kohl vor dem Schöneberger Rathaus zu treffen. Heute sprechen wir mit Waigel in dessen Münchner Anwaltsbüro über den Mauerfall.

Herr Waigel, Sie gelten als einer der Väter des Euro. War die gemeinsame europäische Währung der Preis für die Deutsche Einheit?
Nein, niemand hätte in der Wendezeit versprechen können, dass der Euro 1998 kommt. Weder der Finanzminister noch der Bundeskanzler. Dafür brauchen sie eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag und Bundesrat.

Der Entschluss für den Euro fiel aber fast zeitgleich mit dem Mauerfall. War das wirklich Zufall? 
Die wichtigsten Entscheidungen für den Euro sind bereits 1988 auf dem Europäischen Gipfel in Hannover gefallen. Dort wurde ein Ausschuss eingesetzt, der die Einführung der Wirtschafts- und Währungsunion in Europa prüfen sollte. Wir konnten die Gespräche darüber in der Wendezeit nicht abbrechen. Dann hätten alle anderen Europäer gesagt: Jetzt geht Deutschland wieder einen Sonderweg.

Also gab es doch einen Zusammenhang zwischen Euro und Einheit?
Wir haben beide Dinge parallel gemacht. Als sich die Chance zur deutschen Einheit ergab, haben wir diese ergriffen und die Gespräche für die gemeinsame Wirtschafts- und Währungsunion fortgesetzt.

Wie meinen Sie das?
Beides sind zwei Seiten einer Medaille.

Waigel hält kurz inne. Dann erzählt er von seinem Bruder August, der mit 18 Jahren im Zweiten Weltkrieg fiel. Er liegt auf dem Soldatenfriedhof in der französischen Kleinstadt Niederbronn in der Nähe von Straßburg begraben. Jugendliche aus ganz Europa legen Euro-Münzen auf seinen Grabstein. Eine Seite der Münzen ist national - die andere europäisch.

„Warum auf dem Grab meines Bruders Euro-Münzen liegen“

THEO WAIGEL-INTERVIEW TEIL 1: „Warum auf dem Grab meines Bruders Euro-Münzen liegen“

Wäre der Euro auch gekommen, wenn es die Einheit nicht gegeben hätte?
Selbstverständlich! Alles war auf den Weg gebracht.

Ab wann haben Sie wirklich daran geglaubt, dass die Einheit klappen könnte?
Als ich selber die ersten Veranstaltungen zur Volkskammer-Wahl drüben gemacht habe, sollte ich in Leipzig sprechen. Vorher bin ich ein bisschen spazieren gegangen und habe gedacht: Das wird eine mittlere Pleite. Wer kommt denn um 17 Uhr unter der Woche? Aber dann kamen mir immer mehr Leute entgegen. Und dann stehen plötzlich sechzigtausend Menschen auf dem Platz.  Das ist der demokratische Wahnsinn! Nun sind ja Finanzminister nicht überall sonderlich populär. Und dann sehe ich hinten ein Transparent: Tausche Ostmark und Luft (Christa Luft, damalige Wirtschaftsministerin der DDR [Anm. d. Red.]) gegen D-Mark und Waigel.  So etwas kurzes, treffendes, klares habe ich selten erlebt. Da habe ich gespürt: Es tut sich was.

Helmut Kohl ist bei seiner Rede vor dem Schöneberger Rathaus ausgepfiffen worden. Was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?
Mein Gefühl war: Was schlägt uns da alles entgegen? Im Nachhinein muss man sagen, dass die Veranstaltung überhaupt nicht repräsentativ war. Die Unionsleute sind alle am Abend zur Großveranstaltung an die Mauer gekommen – von denen war keiner am Schöneberger Rathaus.

„Ich habe manchmal gearbeitet, als Kohl schon schlief“
Seite 1234Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Theo Waigel zum Mauerfall - „Wir haben fast alles richtig gemacht“

21 Kommentare zu "Theo Waigel zum Mauerfall : „Wir haben fast alles richtig gemacht“"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Is klar. Heisst auf Nicht-Politiker-Deutsch: Sie haben nahezu alles falsch gemacht, insb. bei der Zusage an Frankreich die Währungshoheit abzugeben.

  • Für das, was richtig lief, konnten sie alle nichts.
    Wie Kohl schon erkannte: Es lag am Bimbes - die DDR war pleite.
    Gorbi hatte es erkannt und die Last abgeworfen.

    Da lagen die Reste der DDR am Wegesrand - und Kohl sammelte ein. Das war´s.

    Der Jubel war verständlich, hatte aber nichts bewirkt - weder jener der Politruks im Westen noch der bei den Menschen im Osten.

    Für den Euro hätte es richtigerweise einer Volksabstimmung bedurft, um entsprechende Souveränitäten bündeln zu können.
    Stattdessen hat man sich fälschlicherweise - man wußte es wohl nicht besser - mit parlamentarischen Mehrheiten begnügt.
    Daher ist der Euro bis heute illegitim.

  • „Wir haben fast alles richtig gemacht“

    ... ja?
    kommt auf den Standpunkt an!

    aber dann sollten SIE sich das folgende noch einmal ansehen, Mister.


    Gesellschaftlich tief veränderndes in diesem Land
    wird von der Sorte Neu-Politiker (Faschistoides oder US Diktat?) den Bürgern verheimlicht und verschwiegen!

    So wird Unterschlagen,
    das 1991/93? der gesamte Polizeistaat- & Überwachungs-Apparat (M.f.S) des Totalitären Polizeistaats DDR,
    die Nachfolge Diktatur des Sozialistischen “dritten Reiches”, in die Bundesdeutschen Dienste auf Siegermächte “Wiedervereinigung”-Diktat zwangsintergriert werden mussten.

    In (Polizei, LKA, BKA, VfS, BND, Grenzschutz, Steuer, ..., [GEZ]) und sich bereits Ende der `90er Reorganisiert hatten und das alte Feindbild/ tief verachteter Klassenfeind eben! Siegermächte/Linksfaschisten Regierung unterstützt/ geduldet -- 2 Gesellschaften/Parallelgesellschaft auf dem selben Territorium!
    (siehe das Schreddern der Akten (2012/13) beim Verfassungsschutz im "NSU-Fall" -- als Reaktion auf die politische "Hilflosigkeit/Unterstützung?" zur Reorganisation des M.f.S. (Stasi) beim BfV (in allen Diensten muss man von ausgehen, bei Polizei/LKA/BKA/Steuer/Grenzschutz, ...)
    hatte der Langjährigen Präsidenten des Verfassungsschutz (BfV) Heinz Fromme den Dienst Quittiert.

    (39 Jahre hatte man darauf hin gearbeitet -- die Ostzone/Stalinismus sieht sich als Sieger der Wiedervereinigung (US gestüzt) und berechtigt die Bonner Republik zu übernehmen, also Stalinistisch umzubauen,(siehe Super Mehdorn BER)
    hier:
    >>http://homment.com/Mehdorn_ART<<

    Banker-Mafia (OST Merkel Regierung / MassenMedien) Unterstützt für die Nazi/Stasi EUR-ZONE!)

    [der (US) Banker-Mafia domestiziertes Humankapital - in der "Groß-Mast-Anlage" - Neue (1/2) Welt / EUR-ZONE]

    Neben der Entmachtung der Deutschen Bundesbank als die Währungshüterin und die Auflösung der DM in diesen EURO!


    wir erleben in diesen Salafisten neues ...
    hier:
    >>http://homment.com/1933_reloadet<<

  • Joachim Buch,
    der HB-Redaktezur ist halt noch sehr jung

  • @Joachim Buch

    Den Bayern-Kurier gibt es demnächst nur noch online.

    Denn der Inhalt ist es nicht wert, daß dafür Bäume sterben ... ;-)

  • Zitat:

    "Allein die Treuhandanstalt hat hunderte Milliarden D-Mark versenkt.
    Über die Treuhand kann man viel diskutieren, aber man muss sich einmal vorstellen, was die in wenigen Jahren geleistet haben: Sie hat Zigtausende Betriebe privatisiert und hunderttausend Liegenschaftsverträge abgeschlossen. Das ist eine Riesenaufgabe. Es konnte gar nicht so viele gute Leute geben, um das alles völlig fehlerlos zu machen. Die Menschen hatten keine betriebswirtschaftliche Ausbildung. Unsere wichtigsten Leute waren Tierärzte, Mathematiker und Theologen."

    Eine wahrhaft tolle Truppe (ähnlich der der Bundeswehr!).

    Leute ohne ökonomischen Sachverstand dürfen auf Geheiß von noch inkompetenteren Politikern Milliarden verbrennen. Ich frage mich ernsthaft weshalb ich als Bürger dieses Landes dafür aufkommen soll.

    Man dachte schon, dass das Schlimmste (WK 1 + 2) an einem vorbei gegangen sei.

    Aber es gibt auch Steigerungen!

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich und achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Sen-sa-tio-nell. Fast alles richtig gemacht. Der Mann hat ein Selbstbewußtsein, das nicht mehr zu toppen ist. Vielleicht noch von den Herrn Kohl und Schmidt. Und dann ein HB-Redakteur, dem man schon auf dem Bild ansieht, wie doll er das findet, mit DEM Architekten des Euro sprechen zu dürfen. Keine kritische Frage zur Eurokrise - NICHTS. Liebes Handelsblatt, solche Artikel stellen Sie doch bitte gleich auf die Homepage der CDU oder CSU oder in der Print-Version in den Bayern-Kurier.

  • Wie kann man sich so erschreckend dümmlich äußern ? Man habe nicht gewußt, was einem in der DDR erwarte ?Haben die Trottel nur mal einfach über die Mauer geschaut. Der Mann macht sich selber zum Idioten, die Einführung (für die spätere Verstöße kann er ja nichts) war das Dümmste überrhaupt. Naja, die Sozialversicherung hat ja gezahlt, Beamte und Politiker wurden verschont. Wer nimmt diese Leute noch ernst - die gehören alle in das Gefängnis

  • So dumm kann nur ein Politiker daher reden, der aus wirtschaftlicher und ökonomischer (nicht nur bei der Wiedervereinigung) fast alles falsch gemacht hat.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%