Maybrit Illner zum Flüchtlingsdrama
„Wir haben die Wahl nicht mehr, diese Leute kommen“

Großes Dilemma statt Polemik und Promis: Bei Maybrit Illner diskutieren die Talkgäste über Flüchtlingspolitik. Ungeschönt prallen moralische und politische Argumente aufeinander. Am Ende steht eine schwierige Erkenntnis.
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BerlinÜber Flüchtlinge wird seit den jüngsten Katastrophen im Mittelmeer viel diskutiert. Bei Günther Jauch sorgte am Sonntag vor allem eine Schweigeminute für Aufsehen. In Maybrit Illners ZDF-Talkshow gestern Abend entwickelte sich zum Thema „SOS Flüchtlinge – Gerettet, um zu bleiben?“, obwohl es von der Gästeauswahl nicht unbedingt zu erwarten gewesen war, tatsächlich eine kontroverse, aber ernsthafte Diskussion.

„Wir stecken in einem unglaublichen Dilemma“, sagte Wolfgang Bosbach, der gerne und oft in Talkshows gastierende CDU-Parlamentarier und Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, gleich zu Beginn der Sendung. Genau dieses Dilemma wurde vor im Studiohintergrund eingeblendeten blauem Meer mit Flüchtlingsbooten oder ein montierten Grabkreuzen in vielen Facetten tatsächlich sichtbar.

Bosbach entwickelte es vor allem im Streit mit Kathrin Göring-Eckardt. „Wenn man die Schlepper nicht mehr will, muss man einen sicheren Weg nach Europa schaffen“, argumentierte die Grünen-Politikerin. „Es geht da um die Seele Europas“, sagte sie später und geriet in veritablen Streit mit Bosbach, der bei ihrer Haltung eine fehlende „Ernsthaftigkeit, die Gedanken zu Ende zu führen“, beklagte.

Wenn legale Zugangsmöglichkeiten für Asylbewerber etwa in Libyen geschaffen würden, sei schon unklar, wer nach welchen Kriterien entscheiden sollte. Und Hunderttausende von Asylanträgen würden gestellt werden, wenn das bereits in deutschen Botschaften im Ausland geschehen könnte. Deutschland nehme bereits jetzt mehr Flüchtlinge auf als die USA und stoße bald „an die Grenzen der Belastbarkeit – nicht im Bundestag, aber in den Kommunen vor Ort“.

Zustimmung kam von Franziska Giffey, der neuen Bürgermeisterin des Berliner Bezirks Neukölln. Die junge SPD-Politikerin agierte erheblich zurückhaltender als ihr Talkshow-bekannter Vorgänger Heinz Buschkowsky es getan hätte, machte aber Punkte. „Was machen wir über das reine Unterbringen hinaus, die Frage ist überhaupt nicht geklärt“, sagte sie. Wenn etwa mehrere Turnhallen über Monaten als Flüchtlingsunterkünfte gesperrt seien, sei auch der soziale Friede gefährdet. „Das muss ja gefragt werden: Wie weit geht die Kapazität?“ Bei mehr als 1000 Vorsprachen pro Tag bei den Anlaufstellen für Flüchtlingen, die in Berlin teilweise zu verzeichnen seien, könne von Perspektivbildung keine Rede sein.

Außerdem in Illners Runde saß Wolfgang Bauer. Der Reporter der Wochenzeitung „Die Zeit“ hatte unter syrischen Flüchtlingen eine Fahrt auf einem Boot von Ägypten inkognito mitgemacht und berichtete, dass die EU-Einwanderungspolitik „nicht nur die Schlepperindustrie, sondern auch eine große Mafia“ nähre. So sei die Gruppe, deren Teil er war, bis zur Zahlung von Lösegeld vier Tage in Geiselhaft gehalten worden. Die Flüchtlinge brächten „gesellschaftliche Probleme aus ihren Herkunftsländern mit ins Boot hinein“.

Bauer berichtete von Kämpfen zwischen Schiiten und Sunniten, und davon, dass viele „erschreckend wenige Vorstellungen von den Ländern haben, in die sie fliehen wollen“. Doch ließen sie sich nicht abhalten: „Wir haben die Wahl nicht mehr, diese Leute kommen.“

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„Wir haben die Wahl nicht mehr, diese Leute kommen“

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„Die Flüchtlinge kennen die Risiken – und gehen trotzdem“

Kommentare zu " Maybrit Illner zum Flüchtlingsdrama: „Wir haben die Wahl nicht mehr, diese Leute kommen“"

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  • Wieso nehmen diese Superreichen Ölstatten keine Flüchtlinge auf.
    Oder sollte beim Reiselustigen Afrikaner eine Schiffsreise dagehören?

  • Ich will noch darauf hinweisen, dass die Fläche Europas mit 10 Mio. Quadratkilometern einer Grundfläche von 9,8 Quadratkilometern der USA entspricht, mit Kanada ist Nordamerika mehr als doppelt so groß wie Europa. Die Einwohnerzahl der USA ist mit 340 Mio. Einwohnern nur halb so groß, wie die Europas mit 742 Mio Einwohnern. Europa ist voll, die durchschnittliche Bevölkerungsdichte ist folglich mehr als doppelt so groß wie die der USA, ganz zu schweigen von Nordamerika. Zielländer sind Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Deutschland hat mit seinen 80 Mio. Einwohnern ohnehin die höchste Bevölkerungsdichte. Wir haben schon gar nicht mehr zu müssen, wenn es um die Aufnahme von Flüchtlingen geht.

    Gemessen an der europäischen Bevölkerung, und genau darauf will ich hinweisen, hat Europa immer noch mehr als doppelt so viele Flüchtlinge aufgenommen wie Nordamerika. Wir können hier nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen.

    Könnt ihr den vorherigen Text bitte löschen. Der hat "ziemlich merkwürdige" Fehler.

  • Ich will noch darauf hinweisen, dass die Fläche Europas mit 10 Mio. Quadratkilometern einer Grundfläche von 9,8 Quadratkilometern der USA entspricht, mit Kanada ist Nordamerika mehr als doppelt so groß wie Europa. Die Einwohnerzahl der USA ist mit 340 Mio. Einwohnern nur halb so groß, wie die Europas mit 742 Mio Einwohnern. Europa ist voll, die durchschnittliche Bevölkerungsdichte ist folglich mehr als doppelt so groß als die der USA, ganz zu schweigen von Nordamerika. Zielländer sind Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Deutschland hat mit seinen 80 Mio. Einwohnern ohnehin die höchste Bevölkerungsdichte. Wir haben schon gar nicht mehr zu müssen, wenn es um die Aufnahme von Flüchtlingen geht.

    Gemessen an der europäischen Bevölkerung, und genau darauf will ich hinweisen, hat Europa immer noch doppelt so viele Flüchtlinge aufgenommen, als Nordamerika. Wir können hier nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen.

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