Mecklenburg-Vorpommern
Der adrette Jurist

Ein Jurist aus dem Westen soll Landesvater im Nordosten werden. Erwin Sellering hat derzeit die besten Chancen, in Mecklenburg-Vorpommern Nachfolger von Ministerpräsident Harald Ringstorff zu werden. Sellering gilt als als gelassener Vermittler.

HB SCHWERIN/BERLIN. Er wirkt meist freundlich und zurückhaltend, ist stets gut gekleidet, und sein Ruhrpott-Akzent ist nicht zu überhören. Doch nach 14 Jahren an der Ostseeküste traut sich Erwin Sellering zu, Landesvater in Mecklenburg-Vorpommern zu werden: Am Sonntag soll der derzeitige Sozialminister auf einem SPD-Landesparteitag zum Nachfolger von Ministerpräsident Harald Ringstorff nominiert werden, der sein Amt nach zehn Jahren abgibt. Die Wahl des 58-jährigen Sellering im Schweriner Landtag ist Anfang Oktober geplant.

Der am 18. Oktober 1949 in Sprockhövel bei Bochum geborene Jurist folgte 1994 als Richter dem Ruf in den Norden - erst ans Verwaltungsgericht in Schwerin, dann an das in Greifswald. Im Jahr seines Umzugs nach Mecklenburg-Vorpommern trat er auch in die SPD ein. Seit 1998 arbeitet er eng mit Ringstorff zusammen, zunächst als Abteilungsleiter in der Staatskanzlei, dann als Justizminister der ersten rot-roten Koalition von SPD und PDS auf Landesebene.

Als Justizminister agierte Sellering zunächst politisch eher unauffällig. Von Skandalen blieb er weitgehend verschont. Nur zum Ende seiner Amtszeit versuchte die CDU, seinem Ministerium eine Mitschuld an dem Mord an einem Mädchen zuzuweisen, das von einem gerade erst entlassenen Sexualstraftäter umgebracht wurde. Im Kampf gegen rechtsextremistische Gewalt warb er für eine Stärkung der Prävention durch Jugendarbeit, Schule und Familie.

Mit Beginn der großen Koalition in Schwerin im Herbst 2006 wechselte Sellering ins Sozialministerium, was als erstes Indiz für seine weitere Parteikarriere angesehen wurde. Denn der Posten gab ihm Gelegenheit, das "soziale Profil" der SPD zu stärken. Er schrieb sich auf die Fahnen, Mecklenburg-Vorpommern zum "familienfreundlichsten Bundesland" zu machen - zum Beispiel durch Hilfen für werdende Mütter, Familienhebammen, verbindliche Einladungen zu kinderärztlichen Untersuchungen und kostenloses Mittagessen für bedürftige Kinder. In der Gesundheitspolitik plädierte er für ein weitgehendes Rauchverbot.

Ein weiterer Karrieresprung gelang ihm im vergangenen Jahr: Im April 2007 wurde er SPD-Landesvorsitzender. Er löste damals Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) ab, der lange als Ringstorffs Kronprinz gegolten hatte. Trotz aller Profilierungsversuche gilt Sellering als gelassener Vermittler, der hinter den Kulissen aufkommenden Streit mit dem Koalitionspartner CDU schlichten helfen kann. Populismus und Polemik sind ihm eher fremd. Der 58-Jährige hat zwei Töchter und lebt mit seiner Familie in Greifswald. Zu seinen Hobbies gehören ausgedehnte Waldspaziergänge und die eine oder andere Partie Schach.

Mit dem Amtsantritt des "Wessis" Sellering im Oktober geht auch die kurze Phase zu Ende, in der die neuen Länder ausschließlich von ostdeutschen Ministerpräsidenten regiert wurden. Sie hatte erst im vergangenen Mai begonnen, als der gebürtige Sachse Stanislaw Tillich in der Dresdner Staatskanzlei den Westimport Georg Milbradt (beide CDU) beerbte.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%