Mehr staatlicher Einfluss auf Kindererziehung
Oettinger fordert „Erziehungsgespräche“

Die Bundesländer machen sich stark für mehr Einfluss des Staates auf die Kindererziehung. Zuerst hat das Saarland angekündigt, regelmäßige Untersuchungen für alle Kinder zur Pflicht zu machen, jetzt zieht Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger nach.

HB BERLIN. Der CDU-Politiker sprach sich in der „Financial Times Deutschland“ für verbindliche „Erziehungsgespräche“ zwischen Eltern und Lehrern aus. An Jugendliche würden immer höhere Anforderungen gestellt. Deshalb „müssen wir mehr über Elternverantwortung reden“, sagte der Politiker.

Das Saarland will mit den regelmäßigen Untersuchungen Misshandlungen und Vernachlässigung von Kindern früher aufdecken können. Bislang sind so genannte Erziehungsgespräche der Eltern nur in Fällen grober Pflichtverletzungen wie Verwahrlosung vor. Diese Gespräche werden von den Jugendämtern oder von Richtern angesetzt.

Oettinger schlug auch Erziehungskurse vor. Angesichts einer immer stärkeren Berufstätigkeit von Müttern und zugleich schlechter Leistungen vieler Schüler sei die „Förderung von Kindern und Familien die entscheidende Wachstumsaufgabe der öffentlichen Hand“. „Ich glaube, dass zum Beispiel ein Erziehungsgespräch zwischen dem Lehrer und dem Vater sowie der Mutter eines Kindes halbjährlich stattfinden sollte.“ Eltern hätten „ihre Teilnahme genauso wahrzunehmen wie die Schüler eine Teilnahme am Unterricht wahrzunehmen haben“.

Der Deutsche Familienverband setzt auf Elternkurse. „Statt einem Blumensträußchen oder einer Flasche Sekt muss es für Arbeitnehmer bei der Geburt eines Kindes künftig Gutscheine für Eltern- und Bildungskurse geben“, sagte der baden-württembergische Landesvorsitzende der parteipolitisch unabhängigen Organisation, Uto R. Bonde.

Nach Schätzungen des UN-Kinderhilfswerks Unicef sterben in Deutschland wöchentlich zwei Kinder durch Misshandlung oder Vernachlässigung. Rund 200 000 lebten in verwahrlostem Zustand oder müssten Misshandlungen über sich ergehen lassen. Bildungsexperten äußerten sich skeptisch zum Vorstoß Oettingers.

„Mit Gesetzen und Verordnungen wird man weniger erreichen als mit einem guten Betreuungsangebot“, sagte der Bildungsexperte der Industrieländerorganisation OECD, Andreas Schleicher. Die Untersuchungen der OECD zeigten, dass die frühkindliche Betreuung und Unterstützung gerade für die Kinder entscheidend sei, deren Eltern Probleme mit der Erziehung hätten. „Kindern aus bildungsfernen Schichten werden Gesetze wenig nutzen“, sagte Schleicher der „Financial Times Deutschland“.

Die SPD sprach sich für eine bessere Verzahnung der Bildungsangebote von Kindergärten und Schulen aus. Die rheinland- pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen sagte der Zeitung, ihr Land habe eine Abstimmung der Bildungsprogramme beider Institutionen bereits gesetzlich verankert. „Herr Oettinger kommt mit seinen Ideen etwas spät.“

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