Mehr Wahlfreiheit für Versicherte
Krankenkassen testen Reform

Erstmals kooperiert eine gesetzliche Krankenkasse mit privaten Versicherern, mit dem Ziel ihren Versicherten Wahltarife zur Ergänzung ihres gesetzlichen Versicherungsschutzes aus einer Hand anzubieten. Verhandlungspartner sind die Deutsche BKK, mit 1,1 Millionen Mitgliedern Marktführer unter den Betriebskrankenkassen, der größte private Krankenversicherer DKV und der zweitgrößten Direktversicherer VW Financial Services. Die Verhandlungen seien unterschriftsreif, erfuhr das Handelsblatt aus Kassenkreisen.

BERLIN. Das Projekt mit dem Arbeitstitel: „Comfort-Krankenversicherung“ ist prekär. Denn nach geltendem Recht dürfen gesetzliche Kassen bislang weder private Zusatzpolicen vermitteln noch spezielle Leistungspakete mit bestimmten Privatversicherungen für ihre Versicherten aushandeln. Eine entsprechende Rechtsänderung steht zwar im Gesetzentwurf von Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD). Doch ob sie kommt steht in den Sternen, seit am 4. Juli die Verhandlungen mit der Opposition über einen Reformkompomiss begonnen haben.

Um aus dieser rechtlichen Grauzone herauszukommen, sitzt die Deutsche BKK offiziell nicht mit am Verhandlungstisch. Sie bietet lediglich an, den gesetzlichen Teil des neuen Kombi-Produkts zu übernehmen. Für den privaten ist die DKV zuständig. Die Vermarktung soll vorerst VW Financial Services unternehmen. Zwischen der Dachgesellschaft von VW Bank direct, VW Leasing und VW Versicherungsdienst gibt es alte Verbindungen. Immerhin ist die BKK erst vor kurzem aus der Fusion der VW-BKK und der alten Post-BKK entstanden.

„Natürlich wollen wir mit unserem Projekt Druck auf den Gesetzgeber ausüben, endlich zu handeln. Wir wollen die Comfort-Krankenkasse unseren Versicherten anbieten,“ sagte ein Mitarbeiter der Deutschen BKK, der wegen Vertraulichkeit der Gespräche nicht genannt sein will. Auch VW-Financial-Services ist die schwierige Rechtslage offenbar bewusst. Sie reagierte am Dienstag zurückhaltend auf Nachfragen des Handelsblatts. „Wir sind nicht im Krankenversicherungsgeschäft,“ sagte eine Sprecherin und fügte erst auf Nachfrage hinzu: „Allerdings sind wir an dem Thema dran“.

Neuartig ist das Produkt in mehrfacher Hinsicht. Bislang müssen gesetzlich Versicherte, die Zusatzleistungen für Zahnimplantate, Homöopathie und Extraleistungen im Krankenhaus privat absichern wollen, sich allein im Angebotsdschungel zurecht finden. Nun erhalten sie ein Komplettangebot. Dabei können sie den Leistungsumfang unter verschiedenen Modulen frei wählen. Außerdem enthält jedes Modul Präventionsleistungen, die bislang von der GKV nicht bezahlt werden.

Die DKV will zudem neue Tarife für in der GKV nicht abgesicherte Leistungen bei Zahnbehandlung, wie bestimmte Leistungen der Vorsorge und Zahnpflege und aufwendigen Zahnersatz wie Implantate entwickeln. Auf eine Risikoprüfung soll weitgehend verzichtet werden. Außerdem können Familienmitglieder ohne Zusatzbeitrag mitversichert werden.

Sollte der Gesetzgeber den Weg für die Vermittlung des neuen Produkts durch die Deutsche BKK an ihre Mitglieder freigeben, wollen auch der Freie Verband Deutscher Zahnärzte und der Verband unabhängiger Vertragszahnärzte das Projekt unterstützen. Einen entsprechenden Vertrag mit der BKK haben die beiden Verbände am Montag unterschrieben.

Besonderen Charme hat das Produkt nicht nur für Zahnärzte und BKK: Es ließe sich jederzeit an neue gesetzliche Rahmenbedingungen anpassen, ohne dass der Versicherte viel merkt. Würde bei den laufenden Reformverhandlungen z. B. die Streichung des ganzen Zahnersatzes aus dem gesetzlichen Leistungskatalog beschlossen, würde dieser bei der Comfort-Krankenversicherung einfach in den von der DKV abgesicherten Privattarif wandern. Der Versicherte bekäme eine Mitteilung über die neue Zusammensetzung seines Beitrags mit der Bitte unten rechts zu unterschreiben.

Was man zusatzversichern kann

Modul Zahnprophylaxe:
Wahl zwischen preiswerter individueller Zahnvorsorge mit Handhabungstip und Kontrollen durch den Zahnarzt und teurerer professioneller Reinigung.

Modul Zahnersatz:
Inlays, Zahnkronen, Zahnersatz mit Ausnahme von Implantaten, zahntechnische Laborarbeiten und Materialien

Modul Erweiterter Zahnersatz:
Inlays, Zahnkronen, Zahnersatz einschließlich implantologischer Leistungen, Kieferorthopädie, Zahntechnische Laborarbeiten und Materialen, Vorlage von Heil- und Kostenplänen.

Weitere Module:
Sehhilfen, Behandlung beim Heilpraktiker, Zusatzleistungen im Krankenhaus etc.

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