Meinhard Miegel
„Sinkende Realeinkommen werden die Regel sein“

Eine schrumpfende Gesellschaft wird keinen wachsenden Wohlstand erzeugen, sagt Demografie-Experte Meinhard Miegel. Er warnt im Handelsblatt-Gespräch davor, große Hoffnungen auf die Zuwanderung zu setzen.
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Handelsblatt: Herr Professor Miegel, die deutsche Bevölkerung schrumpft unaufhaltsam, und Sie weisen seit langem auf die gravierenden Folgen hin. Ist der wirtschaftliche Niedergang Deutschlands unabwendbar?

Meinhard Miegel: Vermutlich. Aber das bedeutet ja nicht den Niedergang Deutschlands und Europas insgesamt. 500 Jahre lang haben wir die Blaupausen für globale Entwicklungen gezeichnet. Und das wird auch künftig so sein. Erst war es die Blaupause der Expansion, die jetzt von der ganzen Welt ausgeführt wird. Nun folgt die Blaupause der Kontraktion, die von allen übernommen werden wird. Schon weil es gar nicht anders geht. Bedenken Sie: Um 2035 wird das Durchschnittsalter der Chinesen höher sein als das der Amerikaner. Dann ist auch das expansive chinesische Zeitalter vorüber.

Aber dürfen wir uns damit abfinden, nicht mehr zu wachsen? Eine schrumpfende Bevölkerung heißt doch, dass die Sozialsysteme nicht mehr zu finanzieren sind.

Wieso denn? Sie werden nur, wie so vieles andere, ebenfalls kontraktieren. So wird sich die umlagefinanzierte Alterssicherung zu einer Grundsicherung von etwa 700 Euro monatlich wandeln, und auch die Krankenversicherung wird eine andere werden. Die Menschen werden begreifen, dass die Versichertengemeinschaft nicht länger für Raubbau am eigenen Körper aufkommt.

Dann wird uns unsere Schuldenlast erdrücken, wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst.

Die öffentlichen Haushalte leiden nicht unter zu geringen Einnahmen –unter Berücksichtigung der Geldentwertung steht zum Beispiel in den Gemeinden pro Kopf der Bevölkerung heute doppelt so viel zur Verfügung wie 1970 –, sondern unter ungezügelten Ausgaben, nicht selten gepaart mit Inkompetenz. Bei kostenbewussterem Verhalten lassen sich Einnahmen und Ausgaben ohne Härten zur Deckung bringen.

Was halten Sie von der Idee, dass uns die Demografie neue Wachstumsfelder bringt, etwa im Gesundheitswesen?

Nicht viel, wenn so getan wird, als sei der Gesundheitsbereich ein Bereich wie der Wohnungs- oder Maschinenbau. Voraussetzung für den expandierenden Gesundheitsbereich sind mehr Kranke. Es geht um die Beseitigung von Krankheitsschäden und – wenn möglich –die Wiederherstellung eines früheren Zustandes. Für den Einzelnen ist dies ein Riesengewinn, aber sowohl für ihn als auch für die Gesellschaft wäre es ungleich besser, wenn er gar nicht erst krank geworden wäre.

Wollen Sie sagen, dass es weniger wert ist, in der Pflege zu arbeiten als in der Autofabrik?

Mitnichten. Ich will nur sagen, dass künftig immer mehr Kräfte damit beschäftigt sein werden, ein früher bereits erreichtes Niveau mehr schlecht als recht zu halten, und immer weniger bereitstehen, den materiellen Wohlstand weiter zu mehren. Anders gewendet: Der dynamische, produktive Bereich schrumpft, während der Bereich erhaltender Dienste wächst.

Wie wird es sich leben lassen ohne Wachstum in Deutschland?

Gut, sofern sich die Bevölkerung konstruktiv auf die neue Lage einlässt. Das fällt ihr wahrscheinlich nicht leicht, denn sie ist von ständigem Wachstum geprägt. Doch sie sollte bedenken, dass während des längsten Teils der Menschheitsgeschichte wirtschaftliches Wachstum weithin unbekannt war und insofern die Jetztzeit ganz außergewöhnlich ist. Was wir da erleben, ähnelt einer Stichflamme. Niemand kann doch vernünftigerweise davon ausgehen, dass ein Fünftel der Menschheit – wir Deutschen eingeschlossen – für alle Zeiten 70 Prozent der Weltressourcen für sich verbrauchen kann. So gesehen normalisieren sich jetzt die Verhältnisse.

Meinhard Miegel ist Vorstandschef der Stiftung Denkwerk Zukunft in Bonn.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom

Kommentare zu " Meinhard Miegel: „Sinkende Realeinkommen werden die Regel sein“"

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  • Meinhard Miegel ist ein Oberschwätzer vor dem Herrn. Mitbegründer oder sogar Hauptgründer der Initiative neue soziale Marktwirtschaft (INSM) wobei zwei Begriffe nicht stimmen und zwar soziale und Marktwirtschaft. Denn beides will diese Initiative nicht. Die will knallharten Kapitalismus
    Deswegen schreit Miegel ständig nach Privatisierung der Systeme um der Vers.-Wirtschaft ein paar weitere Mrd. zu geben.
    Wenbnd e imemr von eienr Grundrente faselt, sollte er auch dazu sagen, dass dann nur noch 100 €/Monat eingezahlt werden brauchen und nicht wie jetzt hundere von Euro und er sollte auch nicht vergessen zu sagen, dass de Staat das Geld ständig stieht.
    Er nennt sich immer großspurig und dreist Sozialexperte, der er gar nicht ist, er hat Jura studiert, also wieso nennt er sich Sozialexperte?
    Diese ganzen selbsternannten Excperten die durchs Land eilen und davon gibt es mehrere, Hüther ist auch so einer, haben ebenfalls großen Anteil an der Misere in unserem Land
    Diese Leute braucht nieamnd.
    Die sollen die Klappe halten

    Wenn hier endlich mal die Ausländer, die einzig von den Sozialsystemen leben wieder in ihre Länder geschickt würden, die Deutschen ein wenig schrumpen, aber alle Arbeit haben, wird es uns nicht schlechter gehen
    Wir waren ja schon mal weniger und es ging uns gut
    Und wenn alle Arbeit haben und man merkt, man hat Sicherheit, gibt es auch wieder mehr Kinder

  • Herr Meinhard Miegel Schriften habe ich schon mehrfach gelesen. Dabei zeigt er interessante Teilaspekte auf. Dabei blendet er die Zeiten eines massiven Bevölkerungsrückgangs in unserem Land aus. (30jähriger Krieg, die Pest etc.)

    Das führte gelinde gesagt zu einem Zusammenbruch der Ökonomie und zu einen beherzten Handeln. (Mehr Familie+ Kinder , Fortschritt und Gesellschaftlicher Wandel)

    Das ist jetzt auch sehr verkürzt! (Der Aufbau war Langwierig)

    Dabei kommt diesmal erschwerend die Überalterung der Gesellschaft dazu.

  • Man kann es nicht treffender formulieren.

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