Memoiren
Kohl räumt Fehler bei Deutscher Einheit ein

Als „altersmilde“ würde Alt-Kanzler Helmut Kohl (CDU) wohl nicht gerne bezeichnet. Doch Entschuldigung von Wolfgang Thierse nach dessen umstrittenen Äußerungen zum Tod Hannelore Kohls hat er ohne Kommentar angenommen. Und auch auf die Deutsche Einheit hat Kohl nun eine andere Sicht.

HB BERLIN. Er habe die Vollendung der Deutschen Einheit falsch eingeschätzt. Die psychologische Trennung von Ost und West und die Probleme in der DDR seien größer gewesen als erwartet. „Das ist ein Punkt, wo ich mich sicher getäuscht habe, übrigens alle sich getäuscht haben“, sagte der 77-Jährige am Freitag in Berlin bei der Vorstellung des dritten Teils seiner Memoiren. Hierfür habe es keinen „Masterplan“ gegeben. „Wir wussten eben vieles nicht.“ Die Vollendung der Einheit werde „eine ganze Generation“ brauchen. „Vieles ist uns gelungen, aber es steht auch außer Frage, dass wir auf diesem Weg auch Fehler gemacht haben.“

Kohl legt mit dem Band „Erinnerungen 1990-1994“ eine persönliche Beschreibung vor allem der Deutschen Einheit und der ersten Jahre danach vor. „Als wir uns auf den Weg zur Einheit machten, war es wie vor der Durchquerung eines Hochmoors: Wir standen knietief im Wasser, Nebel behinderte die Sicht, und wir wussten nur, dass es irgendwo einen festen Pfad geben musste“, schreibt Kohl. „Ohne Gottes Hilfe hätten wir es wohl nicht geschafft.“

Im Vorwort dankte Kohl seiner Ehefrau Hannelore, die unter einer schweren Lichtallergie litt und sich im Jahr 2001 das Leben genommen hatte. „Mein größter Dank geht wieder an Hannelore, die mir als eines ihrer Vermächtnisse hinterließ, meine Memoiren unbedingt zu schreiben und zu vollenden“ – so Kohl in seinem Vorwort zum dritten Band. Erstmals in aller Offenheit äußert sich der Ex-Kanzler darin zur Krankheit seiner Frau und ihrem Tod. Ein vierter Teil - wahrscheinlich bis zur Wahlniederlage und dem Machtwechsel 1998 – wird folgen.

In den fast 800 Seiten findet sich auch die Äußerung über „blühende Landschaften“, die Kohl für den Osten prognostizierte wie auch das Zitat des „Freizeitparks“ Deutschland. Es geht aber auch um die Europäische Währungsunion und sein Verhältnis zum damaligen US- Präsidenten George Bush sowie dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow. Kohl beschreibt außerdem die Vorbehalte der damaligen Opposition in Deutschland gegen die Einheit. Er zieht dennoch eine grundsätzliche positive Bilanz dieser Zeit – „Ich bin eigentlich ganz zufrieden.“ Der Altkanzler betonte, er wolle „um jeden Preis vermeiden, dass ich ein Buch der Rache schreibe“.

Auf die große Koalition unter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die Kohl in früheren Jahren „mein Mädchen“ nannte, ging er nur am Rande ein. „Sie hat einen guten Job gemacht, sonst wär' sie auch nicht geblieben“, sagte er. Eine aktuelle politische Bewertung wollte Kohl nicht abgeben. Er sagte, er sei immer gegen eine große Koalition gewesen. „Jetzt hat's der Wähler gemacht, das hat mir auch die Sache verhagelt.“ Wie die kommende Bundestagswahl ausgehe, müsse erst einmal abgewartet werden. Kohl kündigte einen vierten Band seiner Erinnerungen an, den er - „so Gott will“ - im nächsten Jahr schreiben wolle. Darin solle auch Merkel eine größere Rolle spielen als im vorliegenden Band.

Kohl war von 1982 bis 1998 Bundeskanzler. Die CDU führte er von 1973 bis 1998. Danach war er wegen der CDU-Spendenaffäre in Kritik geraten.

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