Merkel bei Opel
Merkel auf Opel-Besuch: Zu viel Nähe schadet

Der Auftritt bei Opel in Rüsselsheim bringt Bundeskanzlerin Angela Merkel viele Pluspunkte. Weil sie den Opelanern nicht zu viel verspricht, aber auch nicht nichts.

RÜSSELSHEIM. Die Zukunft Opels steht direkt vor Angela Merkel. So glitzernd, so windschnittig, mit so rasant geschnittenen Vorderlichtern, dass es einem eigentlich um Opels Fortbestand kaum bange werden muss. Ampera heißt der sportliche Wagen, und Opel-Chef Hans Demant preist ihn hier, am Rüsselsheimer Stammsitz, seiner Kanzlerin an, als wolle er ihr das Auto gleich verkaufen. 2011 soll es in Serie gehen, ein Elektrofahrzeug mit der Reichweite eines Benziners. Ein kleiner Zusatzmotor macht es möglich.

Wäre Merkel wirklich Autokanzlerin, sie würde jetzt, hier auf der Bühne vor der versammelten Opel-Belegschaft, die Tür aufreißen, sich ans Steuer setzen und ein bisschen fachsimpeln. Unweigerlich sieht man ihren Vorgänger Gerhard Schröder vor sich, wie er sich strahlend in den kleinen Wagen zwängen und anschließend dem schmächtigen Opel-Chef kumpelhaft auf die Schulter hauen würde. Doch Merkel stellt nur eine Frage: "Bauen Sie denn auch alle Batterien selber?"

Das sitzt. Demant nuschelt etwas von GM. "Aha, GM", sagt die Kanzlerin und blickt ins Publikum. Die Opel-Arbeiter fangen an zu lachen, erst zögerlich, dann laut. Der subtile Humor der Kanzlerin, der der Lage nichts von ihrer Ernsthaftigkeit nimmt, kommt an. Schon wieder GM. Kaum spricht man über das Auto, das ein bisschen Hoffnung für die Zukunft entfachen soll, findet man sich wieder inmitten der alten Probleme.

Merkel bei Opel am gestrigen Dienstag, die Kanzlerin, die vor zu viel Staat bei der Unternehmensrettung zurückschreckt, vor 2000 Menschen, die sich genau diesen Staatseinstieg wünschen. Eineinhalb Stunden Zeit nimmt sich Merkel bei dem Autobauer, dem infolge der Wirtschaftskrise der Zusammenbruch droht. Merkel hastet durch die Hallen, besucht die Entwicklungsabteilung des neuen Flaggschiffs Insignia, spricht zu den Arbeitern. Und am Ende wird sie an diesem Tag, der natürlich auch ein vorgezogener Wahlkampftermin ist, ihr Krisengesicht gezeigt haben.

Ihre Worte verheißen Erlösung, zeigen aber auch Grenzen auf. "Wir müssen alles daransetzen, einen Investor zu finden, der mit überwiegend staatlicher Unterstützung - das sage ich ausdrücklich zu, nicht nur für die Landesregierungen, sondern auch für die Bundesregierung - eine langfristige Basis aufbaut und der an Opel glaubt", sagt Merkel. Wenn man so will, gibt dieser gewundene Satz die Opel-Politik der Bundesregierung in Kurzform wieder. Ja, wenn ein privater Investor anbeißt, dann wollen Bund und Länder ihm Opel so schmackhaft wie möglich machen - mit Bürgschaften und Garantien. Das ist deutlicher, als Merkel sich dazu bislang einließ. Aber nein, eine staatliche Direktbeteiligung steht nicht an. Damit fängt Angela Merkel ihren Außenminister Frank-Walter Steinmeier wieder ein, der dies am Vortag, auch beseelt vom Wahlkampf, vorgeschlagen hatte.

So viel zu den Worten. Denn eigentlich geht es in Rüsselsheim um Bilder. An zwei Standpunkten beim Rundgang dürfen sich Fernsehteams und Fotografen postieren. Sie sollen die Fotos liefern, wie sie jeder Regierungschef in Krisentagen braucht. Aufnahmen, die sich mit Sicherheit in dem ein oder anderen Wahlkampfspot im September wiederfinden werden. Und ausgerechnet inmitten dieser durchorganisierten Stippvisite findet die oft kühl agierende Kanzlerin emotionalen Zugang zu den Opelanern. Zum ersten Mal, seit die Nachrichten von der schlechter werdenden Wirtschaftslage sich überschlagen, entsteht so etwas wie ein gefühlter Schulterschluss der Kanzlerin mit Menschen, die direkt von der Krise betroffen sind. Mit 25 000 Opel-Beschäftigten.

Zunächst ist das das Werk des Kinderchors. "Dieser Blitz gibt euch Kraft, damit ihr Opels Wunder schafft", singen die Steppkes, schwenken die Ärmchen und drücken Merkel dann schwarze Opel-T-Shirts in die Hand. Dann die Manager. Merkel hat noch kein Wort gesagt, und schon bedankt sich GM-Europachef Carl-Peter Forster für den "Rückhalt, den Sie hier allen" geben. Merkel hört seinen Dank für die Abwrackprämie und die Ankündigung, dass der Zugriff auf alle Technologie-Patente des Mutterkonzerns auch im Falle einer Abtrennung von Opel möglich bleibe.

Konzentriert schreibt sie einige Worte in ihrem Manuskript um. Sie merkt natürlich, dass sie ihr alle hier den Satz soufflieren, den sie in ihrer Rede so gern hören wollen. Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz schließlich, Typ Sozialkundelehrer und als Einziger ohne Schlips am Mikro, redet nicht mehr lange rum. "Temporäre Finanzhilfen durch den Staat", alles schön und gut, sagt der Mann, der in den vergangenen Wochen fast zu so etwas wie einem Ersatzmanager an der Opelspitze avancierte. "Ehrlich gesagt wäre mir eine direkte Staatsbeteiligung lieber. Ministerpräsident Wulff hat Ihnen ja sicher schon mehrfach berichtet, wie gut das bei VW klappt."

2 000 Händepaare klatschen, und getragen von diesem Beifall geht Merkel ans Rednerpult. Im vorderen Drittel der Halle tragen die Zuhörer dunkle Anzüge, im hinteren Rund gelbe T-Shirts mit Opel-Logo. "Wir sind Opel" steht darauf. Ein Meer aus Gelb. Was soll sie jetzt sagen?

Soll sie hier sprechen über die Überkapazitäten in der Autoindustrie, über den Strukturwandel, vor dem die Branche weltweit steht? Man merkt Merkel an in diesen Tagen, dass sie sich nicht in ökonomisch sinnlose Hilfszusagen drängen lassen, auf der anderen Seite aber auch politischen Schaden für sich selbst durch Opel vermeiden will. Gibt sie dem Drängen nach Staatshilfen nach, droht die FDP erneut hochprozentig im Stammwählerpool der Union zu wildern. Bleibt sie hart, malt die SPD das Bild der kaltherzigen Maggie Merkel.

Merkel beginnt mit einem Blick in die Ferne, in die USA. Die 60 Tage Gnadenfrist, die Barack Obama GM gegeben hat, seien eine Chance für Opel, sagt Merkel. "Das sind 60 Tage, um den Grundstein für Opel Europa zu kreieren." Applaus. Obamas Entscheidung hat Druck von Merkel genommen. Bis die Rettungskonzepte nachgebessert werden, bekommt GM für den Übergang erneut Staatshilfen. Mit der letzten Frist, die Obama den amerikanischen Autobauern setzt, hat auch die Kanzlerin Zeit gewonnen. Sie will sie nutzen, sagt sie, um ein Verhandlungsteam zusammenzubasteln, mit Politikern aus Bund und Land, Investmentbankern, Wirtschaftsfachleuten. "Selbstbewusst" will sie GM und den USA begegnen, sagt Merkel.

Den Menschen in Rüsselsheim reicht das, um sie ernst zu nehmen. Ihnen ist es selbst zu ernst, als dass sie dem in der Politik üblichen Rettergestus erliegen könnten. "Die Politik hat eh nichts im Angebot als reden", hat Sigismund Kubicki, ein bärtiger 55-jähriger Anlagenelektroniker, vor Merkels Rede prophezeit. Wer vor so ein Publikum tritt, braucht in den Überbietungswettbewerb der Retter nicht einzusteigen.

Merkel tut dies auch nicht. Sie setzt darauf, dass der Zehn-Punkte-Plan zur Opel-Rettung, den ihr Außenminister gestern in die Zeitungsredaktionen faxte, bei den Opelanern selbst als Wahlkampfgetöse verstanden wird. Merkel erwähnt ihren Herausforderer mit keinem Wort.

"Wir brauchen jemanden in Deutschland, der von GM die Freiheit bekommt, dass er für Opel Europa verhandeln kann", sagt sie. Sie meint GM-Europachef Forster. Sie sagt den Satz über den Investor, dessen Einstieg der Staat schmackhaft machen kann. Sie versucht, ehrlich zu bleiben, das honoriert das Publikum. Der Staat könne Brücken bauen, so Merkel, "aber er ist nicht der bessere Unternehmer".

Wird Merkel am Ende als Krisen-Kanzlerin eine gute Figur machen? Diese Frage wird die Bundestagswahl entscheiden. Wer sich der Antwort schon jetzt nähern will, kann in dieser Woche zumindest in Echtzeit und öffentlich beobachten, wie sich die Kanzlerin in harten Zeiten schlägt. Es ist eine Woche der Exekutive. Merkel erst an der Werkbank und beim heutigen Dinner der G20-Regierungschefs in London, dann das Treffen mit Welt-Hoffnungsträger Barack Obama beim Nato-Gipfel Ende der Woche. Findet Merkel am Ende ein klares Krisengesicht?

Es ist jedenfalls nicht das Gerhard Schröders. Auf den Altkanzler und seinen letztlich fehlgeschlagenen Rettungsversuch bei dem Bauunternehmen Holzmann nimmt Merkel in Rüsselsheim direkt Bezug. "Ich möchte nicht, dass wir noch einmal das erleben, was wir bei Holzmann hatten, dass alles nur eine kleine Leuchtrakete war", sagt sie. Stattdessen bleibt Merkel im Ungefähren, behält sich Optionen offen.

Das finden bestimmt nicht alle gut. Aber ehrlich ist es, genauso wie es der Applaus in Rüsselsheim scheint. Vielleicht muss man Opelaner sein, um die Emotionen zu verstehen, die ein kleiner Satz in Merkels Rede hervorruft. Die Kanzlerin berichtet über ihren kurzen Rundgang, der sie auch ins Entwicklungszentrum führte. "Das Entwicklungszentrum ist Gold wert, im wahren Sinne des Wortes", sagt sie. Gold. Edelmetall. In diesen Krisentagen endlich mal etwas Echtes, etwas Unkaputtbares.

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