Merkel hat in Washington einen guten Stand
Von wegen „Angela who?“

Die Frau in der Ecke des Raumes trägt einen Pagenkopf. Sie plaudert kurz mit US-Parlamentariern. Ihre Bewegungen sind zurückhaltend, fast scheu. Es ist Unionschefin Angela Merkel im Februar 2003 bei ihrem vorerst letzten Washington-Besuch - wenige Wochen vor Beginn des Irak-Krieges. Im Wahljahr 2005 schickte sie Wolfgang Schäuble.

WASHINGTON. "Ich hätte nicht gedacht, dass eine Hauptfigur der deutschen Politik so ruhig und bescheiden auftritt", sagt Gil Gutknecht, republikanischer Abgeordneter aus Minnesota. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Amerikanischen Arbeitsgruppe im Kongress, die zum Lunch geladen hat. Merkel spricht von den "schwierigen" deutsch-amerikanischen Beziehungen. "Sie hat Bundeskanzler Gerhard Schröder jedoch nicht zum Prügelknaben gemacht. Das fand ich bemerkenswert", meint Gutknecht im Rückblick.

Dennoch hielt Merkel damals mit Kritik keineswegs hinterm Berg. "Die wichtigste Lehre der deutschen Politik - Deutschland sollte nie wieder alleine handeln - wird mit scheinbarer Leichtigkeit von der Bundesregierung weggewischt", schrieb sie in einem Gastbeitrag der "Washington Post". Sätze wie dieser hallen in der politischen Klasse Washingtons bis heute nach. "Merkel steht für ein neues transatlantisches Verhältnis an der Seite der USA", schwärmt der außenpolitische Berater eines wichtigen Kongressabgeordneten.

In der Top-Etage des Senats sieht man das genauso. Dort ist die Kanzlerkandidatin bekannt - obwohl das Fußvolk des Kongresses eher fragt: "Angela who?" Sie hält zu Spitzenvertretern beider Parteien regelmäßig Kontakt. So traf sie sich im Februar bei der Münchner Sicherheitskonferenz mit dem Republikaner John McCain und dem Demokraten Joe Lieberman zum Mittagessen. "Beide halten große Stücke auf sie", betonen Mitarbeiter der Politiker. Auch die Schwergewichte im Auswärtigen Senatsausschuss - die Republikaner Richard Lugar und Chuck Hagel sowie der Demokrat Joe Biden - seien von Merkel angetan, heißt es.

Kein Wunder, dass die US-Regierung im Februar 2003 den Roten Teppich ausrollte: Merkel sah unter anderem Vizepräsident Dick Cheney, Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Auch der Vorsitzende der US-Bundesbank, Alan Greenspan, sowie der außenpolitische Altmeister Henry Kissinger gaben sich die Ehre.

Dass Merkel die "Achse" mit Paris und Moskau nicht fortsetzen wolle, wird in Washington als strategische Weichenstellung gesehen. "Wir hoffen, dass Europa zu einer neuen Balance findet", unterstreicht ein hochrangiger Mitarbeiter der Administration. Er habe Merkel beim CDU-Bundesparteitag 2003 in Leipzig beobachtet und sei von ihrem "Scharfsinn" beeindruckt gewesen. "Dass die Idee der Freiheit für sie einen derart hohen Stellenwert hat, kommt im Weißen Haus gut an", hebt er hervor.

Den Einwand von Kritikern, dass es ihr an Charisma fehle, bügelt er ab: "Das gibt sich mit dem politischen Erfolg." In den Denkfabriken der US-Hauptstadt sieht man die Persönlichkeit der Kanzlerkandidatin differenzierter. Jackson Janes vom "American Institute for Contemporary German Studies" der Johns-Hopkins-Universität bescheinigt Merkel, dass sie im persönlichen Gespräch "erfrischend sympathisch" wirke. "Sie muss diese Offenheit und Aufrichtigkeit auch auf nationaler Ebene ausstrahlen."

In der US-Wirtschaft registriert man immerhin einen Lernprozess. "Merkel redet disziplinierter als frü-her und mahnt eine höhere Wettbe-werbsfähigkeit der Unternehmen an", lobt ein Top-Manager. Aller-dings sei sie keine "Eiserne Lady". Die Messlatte Margaret Thatcher liege auch zu hoch, weil die deut-schen Wähler offenbar Angst vor drastischen Einschnitten hätten. "Schröder wurde bereits für seine ersten Reformschritte abgestraft", rechnet der Geschäftsmann vor. "Die große Frage ist, ob die Bundesbürger unter einer Unions-Regierung mehr schlucken würden." Für Daniel Hamilton vom "Center for Transatlantic Relations" der Johns-Hopkins-Universität hängt viel von Merkels Führungsstärke ab: "Sollten radikale Kurskorrekturen ausbleiben, würde die Sorge wachsen, dass Deutschland nicht mehr mitkommt."

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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