Merkel nach dem Gipfel
Frau Kanzlerin erklärt Europa

Am Tag nach dem Euro-Gipfel stellt sich Kanzlerin Merkel der Öffentlichkeit. Sie redet viel - über ihre Vorstellung von Europa, über die Eurozone, die Europäische Union. Die wichtigste Frage beantwortet sie aber nicht.
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BerlinVerrückt genug. Jemand fragt, ob sie Leidenschaft habe. Für Europa. Frau Merkel?

Die Kanzlerin ist in Gedanken verloren. Sie blickt nach unten, auf den Holztisch. Sie spricht, um Zeit zu gewinnen. Gedankenpausenworte. Es klingt, als wolle sie die Frage wegnarkotisieren. „Aaaaaalso, Leeeidenschaft…“

Als kurz darauf Dutzende Journalisten zu lachen beginnen, ist sie selbst etwas erschrocken. Sagt: „Wenn ich für alles so viel Leidenschaft wie für Europa hätte, dann müsste mein Tag 48 Stunden haben.“ Sie habe eine klare Vorstellung von Europa. Und sie sagt noch viel mehr Dinge über den Kontinent, über die Europäische Union und über die Euro-Zone, als wolle sie die Kritiker ihrer Europapolitik an diesem frühen Nachmittag ganz fix das Wasser abgraben.

Es ist der letzte Tag vor der Sommerpause. Ein Berliner Journalistenritual: Bevor die Kanzlerin in den Urlaub geht, ist sie zu Gast in der Bundespressekonferenz. Meistens sind die Reihen voll, auch Korrespondenten aus dem Ausland stellen Fragen. Wie steht Angela Merkel zum Stresstest bei Stuttgart 21? Was hat sie zur Rolle der SPD zu sagen? Und wie verändert Fukushima unsere Haltung zur Reduzierung des Kohlenstoffdioxid-Ausstoßes?

Neunzig Minuten bleibt sie. Und je länger die Fragerunde dauert, desto wichtiger wird eine Frage, die nie gestellt wird: Welche Kanzlerin ist Angela Merkel eigentlich? Wenigstens Europa hätte darauf eine Antwort verdient. Und genauso wie diese wichtigste Frage nie gestellt wird, so sind bei Frau Merkel meist die Dinge am interessantesten, die sie nicht sagt. Journalisten versuchen dann in ihre Sätze hineinzuhorchen. Meistens tun sie das lang und vergebens.

An diesem Freitag hat Angela Merkel leichtes Spiel. Gerade ist sie aus Brüssel zurück gekommen, wo die Euro-Länder ein weiteres Hilfspaket für Griechenland geschnürt haben. Es gibt einiges aufzuarbeiten vom Vorabend, und Angela Merkel kann sich in einer Pose präsentieren, die ihr weit mehr liegt als die Europa-Enthusiastin. „Wir leben in einer Zeit der Beschleunigung“, sagt sie. „Ganz selten gibt es die eine Lösung. Aber es gibt eine Anforderung an die Politik: Dass man das Ganze im Auge hat.“ Sie sieht sich selbst als Lenkerin. Als Steuerfrau, die das Land durch schwere See bringt. So verkauft sie ihre Politik schon seit dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008. So hat sie die Wahl 2009 gewonnen. Und so blieb sie 2010 von Januar bis Dezember Umfragenkönigin.

Kommentare zu " Merkel nach dem Gipfel: Frau Kanzlerin erklärt Europa"

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  • Die Kanzlerin kommt bei keinem Thema zu einer klaren Aussage mit fester Zielsetzung. Was sie entschieden hat sind in erster Linie nicht mehr reparierfähige Fehler die Deutschland Milliarden gekostet haben und weiter kosten. Sie ist die perfekte Blenderin, oder wie Philosoph Habermaus sagt: Machtbesessen,opportunistisch! Eine Täuscherin!
    Leider kann man sie für ihre Unfähigkeit nicht vor Gericht stellen, was eben bei Firmenchefs möglich ist!!

  • Wie sagt man so schon über Merk-Pom:
    Das ist Honis Rache.
    Eine Verräterin des deutschen Volkes.
    Warum tut keiner was gegen diese Verbrecher

  • Das Pro und Contra...wie kann es anders sein...die Kanzlerin ist gut...die Kanzlerin ist schlecht!!

    Jedem seine Meinung, warum nicht, was spricht dagegen!? Das wir durch die Presse manipuliert werden ist doch klar. Wir können es uns aussuchen, was wir lesen, schauen und auch interessiert.

    Mich pers. stört das Hin und Her der Politiker. Gestern redeten sie noch von sog. Steuergeschenken und heute reden sie von Rettungspaketen die in einer Tour geschnürt werden müssen.
    Die Wirtschaft, u. a. auch die Banken sollen freiwillig einen Beitrag leisten. Wir, das Volk, können es uns nicht aussuchen, obwohl inzwischen sehr viele dagegen sind.

    Stimmt, wir gehen nicht auf die Straße und organisieren uns! Warum ist das so, sollte sich jeder mal selbst fragen. Die Frage stelle ich mir auch immer wieder und wenn ich sie an Leute um mich herum stelle, ziehen alle nur die Schulter hoch und wissen es auch nicht, stattdessen ärgert man sich weiter und alles bleibt wie es ist, bis zur nächsten Hiobsbotschaft.
    Ist doch merkwürdig!

    Aus meiner Sicht, fehlt mir inzwischen eine klare Linie, die Gemeinsamkeit, in der Parteienlandschaft und auch im Volk.
    Jeder will nur sein bestes, gewinnt man den Eindruck. So lange es um die Wahlen geht, lullt man das Volk ein und sobald man das Ziel als Partei erreicht hat, ist wieder alles vergessen. Die Reformen, die angestrebt werden, sind dann wieder vergessen und wenn, werden nur Notlösungen gefunden, die sich meist zum Gegenteil für die Masse auswirken. Statt wirklich das Sozialsystem in seinem Ganzen zu verändern, auch wenn es Einschnitte für Leute in den eigenen Reihen und den Lobbyisten mitsichbringt, wird geflickt.

    Die nächsten Wahlen kommen, da wird sich dann mal wieder zeigen, wieviel von dem was heute gemecker wird, übrig bleibt.

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