Merkel und die neue Sachlichkeit
Die Sphinx im Kanzleramt

Aus großer Koalition wurde großer Dauer-Zank – selbst dann, wenn es Erfolge zu vermelden gab. In ihrem ersten Jahr hat Angela Merkel viele Hoffnungen im Land enttäuschen müssen, etwa die, als deutsche Maggie Thatcher zu neoliberaler Hochform aufzulaufen. Kaum einer weiß, was die Sphinx im Kanzleramt wirklich will. Der Versuch einer Antwort.

BERLIN. Es war eine Art „bigger bang“, mit dem Gerhard Schröder die Bilanz seiner Kanzlerjahre und uns zurück in die Vergangenheit zog. Prächtig inszeniert und nur ein Jahr nach seinem Krawallabgang in der Elefantenrunde knüpfte der Mann mit dem Raubvogel-Habitus dort an, wo über ihm die Studio-Scheinwerfer ausgegangen waren: mit einer fiesen Kritik an seiner Nachfolgerin, die es eben nicht könne: „Es fehlt einfach Führung.“

Mit diesem Urteil schloss sich der erste Lebensring Schröders nach dem finalen „Basta!“ der Bürger in einem Déjà-vu: „Sie werden nie Kanzlerin!“ hatte er Angela Merkel im Sturz noch zugerufen. Er holte damit die Kirche aus dem Dorf – oder hat er etwa, vielleicht schlimmer, Recht behalten? Kanzler sein, hat Schröder früh gelernt und als Fama seiner steten Lernbereitschaft verkündet, heißt Macht haben, Macht demonstrieren, ausüben und sie auch spüren lassen – mit Ellenbogen, Chuzpe und einem kalten Gemüt.

Letzteres verbindet ihn mit Angela Merkel. Dabei ist das scheinbar nur zur Schau getragene kalte Gemüt ihr ureigenster Stil: politische Reibung ohne Hitzeentwicklung. Und so stellt sie in den Augen vieler in Berlin statt der eisernen eine bleierne Lady dar. Denn das erste Jahr der ersten Bundeskanzlerin endet in einem Paradox. In der Wahrnehmung überwiegt: Eine gelähmte Kanzlerin mit lädierten CDU/CSU-Ministern.

Da sind die in Glücklosigkeit vereinten Kabinettsbrüder Michael Glos und Franz Josef Jung; da ist eine mit vielen Milliarden abgetauchte Bildungsministerin Annette Schavan; da ist eine Familienministerin Ursula von der Leyen ohne Lächeln; da ist eine gescheiterte Gesundheitsreform; da sind tieftraurige Umfragen für die Regierung und die Volksparteien. Für die Union selbst gibt es so katastrophale Werte wie zu Zeiten der Parteispendenaffäre von Helmut Kohls Gnaden.

Es ist kaum erinnerlich, dass sich je ein deutscher Kanzler angesichts so großer Erfolge – der sinkenden Arbeitslosenzahlen, der anziehenden Konjunktur und der sich füllenden Kassen – mit so wenig optimistischer Ausstrahlung dieser schönen neuen Wirklichkeit bemächtigt hätte. Und sie als eigenen Erfolg reklamiert hätte. Warum nur beansprucht Angela Merkel diese Erfolge nicht demonstrativ für sich?

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