Merkel und Schröder
Masken- und Machtspiele

Darf ich eine Frage stellen?", fragt der Journalist untertänigst. Selbstzufrieden lächelt der Herr Bundeskanzler sein Raubtierlächeln. "Na, geht doch, es ändert sich ja schon was! Natürlich dürfen Sie mir eine Frage stellen!"

BERLIN. Gerhard Schröder lässt sich gnädig herab. Denn so sieht sie am Dienstagabend aus, die konkrete Vision einer (sozial-)demokratischen Hauptstadtpresse: devot, auf den Knien, halt irgendwie zu ihm aufschauend. Seitdem Schröder mit seiner krassen Medienschelte der Parteiseele Balsam gegen erlittenes Leid aufgelegt hat, driftet der Kanzler in Bismarcksche Höhen ab. Etwas mehr Gehorsam, bitte. Geht doch!

Geht wirklich was? Neue Legitimation für Schröder? Von wegen: Am Mittwoch vor dem ersten Treffen der beiden Volksparteien zu ersten Sondierungen geht erst mal gar nichts in Berlin. Weder Schröder noch Angela Merkel wissen, wie es geht, wie es gehen soll, wenn zwei Verlierer sich gegenseitig aus dem Weg räumen wollen.

Ein ratloses Deutschland erlebt sein Spitzenpersonal als zwei Verlierer. Aneinander geschmiedet durch die gefühlte Notwendigkeit, ein letztes Mal noch als Sieger vom Feld zu schreiten. Vorsätzlich haben beide deshalb nur das eine im Sinn: den anderen im Kanzleramt verhindern. Es schlägt die Stunde der Zocker.

Und alle machen mit. "Unser Schröder ist als Verlierer in die Wahlen hineingegangen. Jetzt aber kommt er aus der Maske als unser weißer Massai", spielt ein Genosse am späten Dienstagabend auf aktuellen Kino-Kitsch ("Die weiße Massai") mit viel kriegsbemalten Kämpfern und vielen spitzen Lanzen an. Tatsächlich: Mit hohngetränkten Giftpfeilen und giftigem Spott will Schröder sein Gegenüber in die politische Steppe jagen.

Doch Merkel hat längst dagegen gerüstet, lässt sich erst mit 98,6 Prozent als Fraktionschefin wiederwählen und setzt auf Giftgrün. Dabei ist die Wahlnummer in der Fraktion kaum mehr als eine Karte im Machtpoker. "Das Ergebnis hat mit der Realität in der Partei, mit unserer Wirklichkeit überhaupt nichts zu tun", flüstert ein CDU-Abgeordneter im Reichstag kurz nach dem "sensationellen" Wahlergebnis Merkels.

Er ist nicht der Einzige, der, dicht an die Wand der Fraktionsebene im Reichstag gedrängt, die Inszenierung als solche begreift. "Ein Glück, dass nicht 100 Prozent herausgekommen sind. Das hätte allen die Absurdität der Veranstaltung vor Augen geführt." Auch bei der Union dominiert zurzeit der Bluff, ist die Schminke seit dem Wahldesaster ganz dick aufgetragen. Nur keine Risse zeigen.

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