Merkel und Steinmeier
Kirchentag: Wahlkampf steht hinten an

Sowohl die Kanzlerin als auch ihr Herausforderer besuchten am Donnerstag den Kirchentag in Bremen. Als Wahlkampfveranstaltung wollten das weder Angela Merkel noch Frank-Walter Steinmeier interpretiert wissen. Vielmehr stünde das persönliche Interesse im Vordergrund – das Thema Politik blieb dennoch nicht außen vor.

HB BREMEN. Politischer Appell für Demokratie und Menschenrechte auf dem Kirchentag: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Herausforderer und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) haben am Donnerstag auf dem Christentreffen in Bremen auf die Verteidigung der Grundwerte Freiheit und Menschenwürde gepocht. Merkel warnte, eine freiheitliche Gesellschaftsordnung als selbstverständlich zu betrachten. „Freiheit muss gelebt werden“, sagte die Kanzlerin. Steinmeier forderte, Menschenrechte und nicht die Interessen des eigenen Landes müssten den Kurs in der Außenpolitik vorgeben. Zur politischen Prominenz auf dem Kirchentag zählten auch weitere Kabinettsmitglieder und Bundespräsidenten- Kandidatin Gesine Schwan.

Merkel appellierte an die Menschen, nicht der Gefahr der Konformität zu erliegen. Notwendig sei auch in einem freiheitlichen Rechtsstaat der Mut, für seine Werte und politischen Grundüberzeugung einzustehen. Steinmeier forderte, Guantánamo-Gefangene müssten auch in Deutschland aufgenommen werden. „Das ist eine Frage der Menschenwürde in einer solidarischen Welt“, sagte Steinmeier unter dem Applaus des Publikums. „Guantánamo muss geschlossen werden!“ Der SPD-Politiker sprach sich zudem erneut für eine Zwei-Staaten-Lösung im israelisch-palästinensischen Konflikt aus und verteidigte den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr.

Am Mittwoch waren zum Auftakt des Glaubensfestes nach Veranstalterangaben rund 300 000 Besucher nach Bremen gekommen. Bundespräsident Horst Köhler rief in seinem Grußwort die Menschen dazu auf, sich für eine solidarische und gerechte Welt einzusetzen. „Jeder kann seinen Beitrag leisten, die Welt ein bisschen besser zu machen.“ Im Kampf gegen Armut und Klimawandel müssten alle zusammenarbeiten, der Egoismus müsse überwunden werden. „Wir wollen aufhören auf Kosten anderer zu leben.“

Zu Beginn einer Veranstaltung mit Gesine Schwan kam es am Donnerstag zu Tumulten: Rund 20 Menschen entrollten Plakate und warfen Flugblätter in den Veranstaltungssaal. Auf dem Flugblatt warf die Gruppe der evangelischen Kirche eine „aktive Beteiligung bei der Verarmungspolitik“ vor. Auf dem Plakat stand: „Rücken krumm, Taschen leer - EKD, wir danken Dir.“ Der hauseigene Sicherheitsdienst machte dem Protest nach wenigen Minuten ein Ende. Schwan setzte sich bei der Diskussion zum Thema „Aufstieg durch Bildung“ für Chancengleichheit aller sozialen Schichten ein. Das Bemühen um bessere Bildung dürfe sich nicht einseitig auf das Fördern von Eliten beschränken.

Europa müsse Verantwortung für Afrika übernehmen, forderte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU). Europa habe mehr als andere Regionen der Welt zur Globalisierung beigetragen, sagte der Minister bei einer Veranstaltung zur europäischen Flüchtlingspolitik. Daher werbe er für ein gemeinsames europäisches Vorgehen. Zur Kritik des Vereins Pro Asyl an Ländern wie Italien, die auf hoher See Flüchtlinge in Lebensgefahr von den Küsten abweisen und nach Libyen zurückschicken, äußerte Schäuble sich vorsichtig, sagte aber: „Wenn jemand in Seenot ist, muss er gerettet werden. Da gibt es keine Einschränkung, gar nichts.“

Am Abend wollten Altbundeskanzler Helmut Schmidt und Weltbankchef Robert Zoellick über Verantwortung in der globalen Krise sprechen. Zehntausende Besucher wurden am Abend erwartet zu Konzerten unter freiem Himmel. Bereits am Vorabend herrschte zur Eröffnung eine ausgelassene Stimmung in der Bremer Innenstadt. Maskentänzer, Stelzenkünstler und Sambagruppen heizten dem Publikum ein. Auf zahlreichen Bühnen traten Chöre und Bands auf, darunter die Pop- Sängerin Stefanie Heinzmann.

Kirchentagspräsidentin Karin von Welck sprach am Donnerstag von einem gelungen Auftakt des bis Sonntag dauernden Glaubensfestes mit rund 100 000 Dauerteilnehmern. Als roter Faden zeichne sich die Frage ab, wie jeder einzelne Verantwortung übernehmen könne für die Gestaltung von Welt und Gesellschaft. Neben den politischen Debatten finden religiöse Veranstaltungen großen Zulauf. Bereits am ersten Tag kamen rund 25 000 Menschen zu Bibelarbeiten. Positiv angenommen werde auch das Kinderzentrum und das bisher größte Jugendzentrum auf einem Kirchentag, hieß es.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%