Merkel unter Druck
Schwarz-gelbe Chaostage in Berlin

Seehofer gegen Merkel, Kubicki gegen Röttgen: Bei Schwarz-Gelb geht es drunter und drüber. Und die Kanzlerin lässt es treiben. Lange geht das nicht mehr gut, zumal auch außenpolitisch für sie die Luft immer dünner wird.
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BerlinDas Wahldebakel der CDU in Nordrhein-Westfalen setzt in Berlin plötzlich Kräfte frei, die imstande sind, der Koalition von Bundeskanzlerin Angela Merkel gefährliche Schläge zu verpassen. Es sind aber nicht die üblichen Verdächtigen, die ihre Muskeln spielen lassen. Dass die Opposition gerne und regelmäßig die Politik der Kanzlerin attackiert liegt in der Natur der Sache. Nein, es sind die eigenen Leute, die der Kanzlerin das Leben schwer machen.

Horst Seehofer meldet sich im ZDF zu Wort. Seine Worttiraden treffen erst den NRW-Verlierer Norbert Röttgen und dann die Kanzlerin. Der FDP-Fraktionschef von Schleswig-Holstein, Wolfgang Kubicki, wählt ein Video-Interview mit der „Leipziger Volkszeitung“, um seinem Ärger über den Bundesumweltminister Luft zu machen.

Auch wenn Kubicki in seiner Partei als Sonderling gilt, hat sein Wort doch Gewicht, zumal er es war, der mit seinem fulminanten Wahlerfolg in Schleswig-Holstein die Niederlagen-Serie der FDP beendete. Insofern sollte auch die Bundes-FDP aufhorchen, wenn Kubicki ansetzt, um gegen den christdemokratischen Koalitionspartner auszuteilen. Die Deutlichkeit, mit der er dabei Röttgen zusammenstaucht, ist schon fast beängstigend. Fast könnte man meinen, Kubicki beabsichtige, Merkels Regierung ins totale Chaos zu stürzen.

„Ich würde mir überlegen, ob ich meine Funktion noch ordentlich ausüben könnte“, sagt der FDP-Hardliner zur Zukunft Röttgens als Bundesminister. Er glaube, dass bei Röttgen „über die Sommerpause hinweg auch diese Erkenntnis kommen wird, dass er nicht mehr die Kraft hat auf Bundesebene, die er eigentlich bräuchte, um die Energiewende wirklich durchzusetzen“. Er gehe davon aus, dass Röttgen „eine mentale Pause braucht von ein, zwei, drei, vier Jahren bevor er im politischen Betrieb wieder reüssieren kann“, sagt Kubicki. Klarer kann man einem Politiker wohl nicht empfehlen, den Bettel hinzuschmeißen.

CSU-Chef Seehofers Tiraden sind nicht weniger bissig. Teilweise sind sie sogar nachvollziehbar, wenn es ihm darum geht, dass man in Berlin nach der Wahlniederlage in NRW nicht einfach zu Tagesordnung übergehen kann. „Ich bin jetzt wirklich entschlossen, dass man etwas ändert“, sagt er im ZDF im Interview mit Claus Kleber. Der gibt sich redlich Mühe, aus Seehofer noch mehr, als nur die üblichen Reflexe auf eine Wahlschlappe herauszukitzeln und schafft es auch, Seehofer zu motivieren, nachzulegen. Aber nicht in der regulären Sendezeit.

Kommentare zu " Merkel unter Druck: Schwarz-gelbe Chaostage in Berlin"

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  • >> Gerhardt Wisneweski

    Da hätte was "Klick!" machen müssen, hat es aber nicht und ich weiss jetzt auch wider warum. Unten im Regal steht "Das RAF-Phantom", irgendwann in den 80ern/90ern gekauft, gelesen und für "nicht ganz unplausibel" befunden. Prallte da auf "RAF Komplex" con einem früheren St Pauli Nachrichten Redakteur. der dann später ein Blatt ruinieren sollte, das ich ca 10 Jahre abonniert hatte und heute nicht mehr mit der Kneifzange anfassen würde.

    Ich lese halt lieber die "Quellen", Bommi Baumann, "Wie alles anfing" und tröste mich an der Stelle mit den mescalingetriebenen umherschweifenden Haschrebellen, die sich von einem brennenden Auto nicht lösen können über die Erkenntnis, daß Baader ein Junkie war.

    Ich kann mir gut vorstellen, daß auch so ein kleines Grüppchen wie die RAF nur Puppen an Fäden sind - ich bin eingefleischter John LeCarré Fan - oder dass jemand in eines anderen Windschatten reitet.

    >> Thomas Wieczorek

    Auch hier ... hätte klicken müssen, hat aber nicht.

    >> Kirchhoff

    Der "Herr Professor" ;-)

    Darüber könnte man stundenlang reden, ein bißchen über seine Vorstellungen, aber eine ganze Menge, wie das ist, wenn einer in einen Ring steigt, dessen Regeln er nicht versteht. Und auf einen wie Schröder trifft, den ich für einen jämmerlichen Feigling halte, der aber die Regeln des Spiels perfekt beherrscht.

    Das nur als Rückmeldung. Im Moment halte ich es mehr mit den "Quellen" oder Büchern, die ins Herz der _wirklichen_ Finsternis vordringen, wie "Kongo", das zum ersten Mal die Geschichte dieses Landes vollständig und nicht aus eurozentristischer Perspektive erzählt.

    Jedenfalls nicht die Art von Stoff, die mir heute auf dem Stern-Titel entgegendräute ...

  • herbert.w.

    radio, aber ja bitte doch ;-)

    http://www.tv3.de/medienverlag/news-aus-radio-und-presse.html

    Mein täglicher Blog mit Hörempfehlungen ...

    Danke für Ihre Tipps. Im Moment knabbere ich mich noch (zunehmend genüßlicher) durch Richard Scheringer, dann liegt "Kongo" von David van Reybrouck gewichtig oben auf dem Stapel. Aber ich werde sicher in meinem Archiv was hörenswertes finden.

    Grüße

  • #Hardy
    Auch zu empfehlen: NDR,Info, der Nachrichtensender
    Dazu zum Lesen: Gerhardt Wisneweski, Thomas Wieczorek, Paul Kirchhoff.

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