Merkel-Video wird Internet-Hit
Die Heilige Angela

Umjubelt im Ausland und von der CSU angegriffen erschließt sich Angela Merkel nebenbei eine neue Fangemeinde: Sie wird zum Internetphänomen. Ein Video der Marke „Fassen wir uns an die eigene Nase“ wird zum viralen Hit.

DüsseldorfSehr höflich ist die Dame in der bunten Bluse. Sie bedankt sich, dass sie das Wort erhält und eine Frage an die Kanzlerin richten kann. Es geht um Flüchtlinge, das Thema der vergangenen Wochen und der kommenden Monate, Jahre. Die Dame will von Merkel wissen, wie sie „Europa und unsere Kultur vor der Islamisierung“ schützen will. Es ist ein würdevoller, gediegener Rahmen: Die Universität Bern hatte Merkel die Ehrendoktorwürde und zu dem Festakt gehörte ebenjene Fragerunde.

Höflich bleibt Merkel – natürlich. Aber was dann folgt, ist dennoch Merkel-untypisch. Knapp drei Minuten lang währt ihre Antwort. Ihre Antwort auf eine Frage, wie sie sie schon oft gehört haben wird. So plakativ hat sie selten geantwortet. Merkel, sonst nicht für klare Antworten bekannt, sondern fürs Lavieren und für das Wage scheint sich eingefunden haben in der Rolle, die ihr Europa in diesen Tagen zugedenkt. Einer Kanzlerin, die vorangeht bei dem Schutz Schutzbedürftiger – auch aus anderen Ländern. Deren Regierung mit 800.000 Flüchtlingen rechnet, wo etwa Länder wie Großbritannien oder die USA nur einen Bruchteil dieser Summe aufnehmen.

Merkels Botschaft in dem für ihre Verhältnisse flammenden Appell: sich weniger mit Angst vor dem Islam zu beschäftigen. Stattdessen solle man sich doch wieder mehr mit der eigenen Kultur und Tradition beschäftigen. Allein in Deutschland würden vier Millionen Muslime leben, man müsse nicht darüber streiten, ob der Islam zu Deutschland gehöre.

Stattdessen solle man die Gelegenheit nutzen, sich wieder mit den eigenen Wurzeln zu befassen: „Haben wir doch den Mut zu sagen, dass wir Christen sind“, sagt Merkel. „Dann haben wir doch, bitteschön, auch die Tradition mal wieder in den Gottesdienst zu gehen.“ Sich zu beklagen, dass sich die Muslime im Koran besser auskennen, „das finde ich irgendwie komisch“. Subtext: Fassen wir uns an die eigene Nase. „Wir haben überhaupt keinen Grund zu größeren Hochmut.“ Langanhaltender Applaus aus dem Plenum. Und längst nicht nur dort.

Während die Schwesterpartei gehörig auf Merkel eindrischt, wegen genau ebendieser Flüchtlingspolitik, die sie in Bern verteidigt, wird das Video von Merkels Statement zum viralen Hit. Der Clip, der mehrfach zu finden ist und insgesamt mehrere Hunderthausend Klicks eingefahren hat, fügt sich ins Bild, das die Öffentlichkeit zuletzt von der Kanzlerin hat. International wird sie für den Umgang der deutschen Regierung mit der Flüchtlingskrise gefeiert. Die Entscheidung, die in Ungarn und Österreich gestrandeten Menschen aufzunehmen, hat ihr auch aus der Bevölkerung viel Zuspruch eingebracht.

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